

Montag, den 27. April 1925
Ein Festtag für jeden Deutschen: Hindenburg ist Reichspräsident!
Gestern war die entscheidende Wahl. Also doch: auf Ebert folgt Hindenburg.

O, du mein Deutschland!
Den Trubel in der Stadt haben Marie (ich vermute die Schwester) und ich uns auch angesehen – zusammen mit meinen kleinen Kameraden (wahrscheinlich wieder Fritz und Hans?) und Dr. Mühlmeister. Unsere Radfahrt war grausam verregnet. Um 4 Uhr kamen sie hier an und luden uns ins Kino ein. Lotte war gerade mit Fräulein Meier weggegangen. Dann gingen wir los.
Marie hatte natürlich keinen Schirm, und so mussten wir beide notgedrungen unter einen Schirm gehen. Aber ich habe mich doch gefreut, dass mein kleiner Kamerad mir nicht von der Seite wich. Er sah gestern famos aus und war so redselig, dass Idel staunte. Er scheint mir in allem das Gegenteil von seinem Namensvetter zu sein. Fritz oder Hans? Was meint ihr?

Sehr durcheinander, liebe Hedwig. Ich verstehe den Ablauf dieses Nachmittags nicht. Sie und Marie waren in der Stadt und im Kino mit „den Kameraden“ und Dr. Mühlmeister, aber wann hat es geregnet, und was haben Lotte, Frl. Meier und Idel damit zu tun?
Manches Mal wundere ich mich über mich selbst. So wie vorhin: Ich stand im Schlafzimmer am Fenster, sah den rosenroten Apfelbaum und die hohe, duftig-zarte Birke und aus tiefstem Herzen jubelte ich hinaus:
„Leben, dir jauchz’ ich entgegen!“
Ich fühlte mich wunderbar frei, leicht und fröhlich.
Spoiler: nicht mehr lange…

Wenn das Wetter schön ist, kommen morgen meine Kameraden. Dann verabreden wir, wann wir am Mittwoch nach Hildesheim fahren wollen. Hoffentlich wird’s schön.
Eben schreibt mir die Baronin, dass sie mich erst Sonnabend erwartet.
Hurra, herrlich – noch einen Tag gewonnen!
Ich frage mich, wieso sie den Job angenommen hat bzw. wie es dazu gekommen ist. Sie scheint ja überhaupt keine Lust zu haben, nach Adelebsen zu ziehen. Was hat dazu geführt, dass Hedwig nach der Lehrerausbildung nicht an einer Schule angefangen hat?
Heute feiern die Brennekes silberne Hochzeit. Mäusel hat mich gestern in meiner Abwesenheit eingeladen. Mutter und Tante hätten es so sehr gewünscht, weil ich doch jedes Fest mit ihnen gefeiert hätte. Ja, die beiden haben scheinbar einen Narren an mir gefressen.

Vorige Woche war der kleine Hermann hier (Hedwigs Neffe; Adolphs ältestes Kind), eine ganze Woche lang. Ich habe den Jungen gern, aber er hat mir ein psychologisches Rätsel aufgegeben. Obwohl er nach seinem Wesen und Werten zu urteilen gern – sehr gern – hier war. Er hat doch auch von mir nur einmal in den acht Tagen von mir Schläge bekommen. Doch dann, sagte er, als sein Vater kam, genau das Gegenteil von dem, was er bisher gesagt hatte. Da habe ich ihn mir ganz ernsthaft vorgenommen, aber klug geworden bin ich aus ihm nicht.
Erziehung vor 100 Jahren: Es muss ihm gefallen haben. Er hat doch nur einmal Schläge bekommen!

Zu Ostern waren wir alle – außer Käthe – in Riethagen. Es waren wirklich Sommertage. Wir waren draußen in der braunen Heide, wo die Lerchen sangen und am Rand die Birken blühten. Wo der Bach sein Frühlingslied murmelte und über dem allem die Sonne leuchtete – meine geliebte Heideheimat!
Marie suchte in der Heide ihren Liebsten. Er war nicht da. Nun war es mit ihrem Frieden und ihre Freude vorbei. Ich sehe sie noch vor mir hergehen, in diesem undefinierbaren blaugrünen, seidenen Stilkleide. Das zwar ihre Gestalt hob, aber nicht zur braunen Heide passte. An den Ohren die langen Silberglocken, denen nach Herrmanns Ansicht nur eins fehlte: das Geläut. Nein, das gehört in den Ballsaal, aber nicht in meine braune Heide. Doch Marie dachte eben nicht an die Heide, sondern an den Liebsten. Das Erste wäre besser gewesen.
Else und Fritz Tag waren auch in Riethagen. Fritz hat mit Lillichen Ostereier gesucht – ein köstliches Bild! Mein Patenkind ist überhaupt süß geworden.

Info: Else ist die Cousine und Lilli ist das zweite Kind von Adolph.
Hedwig lebt seit Jahren nicht mehr in der Heide, aber sieht sie weiterhin als ihre Heimat an. Ist Heimat da, wo man lebt, oder ist sie das wo man die Kindheit verbracht hat? Gibt es einen Unterschied zwischen Zuhause und Heimat?

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