

Sonntag, den 3. Mai 1925
Allein.
Sabinchen ist unten bei den Eltern. Sie scheint ein liebes kleines Herz zu haben. Ich glaube, mit ihr werde ich schon fertig werden.
Info: Sabine von Adelebsen, 1916 – 1970/1969 (beides gefunden); damit hier 8 oder 9 Jahre alt.
Golden flutete die Sonne herein, als ich heute Morgen erwachte. Wirres Zeug hatte ich geträumt. Leider schreibt sie nicht was..
Die Familie war nach Göttingen zum Autorennen gefahren.
Ich habe mit Sabine einen herrlichen Spaziergang gemacht. Nein, war das Wetter und die Welt schön! Da vergaß ich fast, dass ich hier fremd bin.
Aber ich will und darf nicht mehr ständig daran denken. Ich will arbeiten – dann muss es besser werden.
Es sind ja nur noch vier Wochen, dann bin ich schon wieder in Hannover. Hoffentlich ist Annemarie dann da.
Schon wieder Annemarie, die scheint eine wichtige Person für Hedwig zu sein.
Zur Bahn brachte mich am Sonnabend Marie. Aber sie ist nicht mehr die Alte. An ihrer rechten Hand trug sie einen goldenen Ring. Niemand hat es gewusst. Sie hat keinen gefragt. Und der, den sie wirklich geliebt hat, der ist es nicht. Vielleicht ist sie jetzt schon nicht mehr in Hannover.
Sie will fort, über das Meer nach Amerika, und vielleicht Weihnachten zurückkommen.
Ach, Marie… Tut sie so als wäre sie verlobt? Oder verschweigt sie ihre Verlobung? Oder geht es um was ganz anderes?
Das Leben ist mir im Augenblick so schwer. So dunkel und traurig. Mein Herz tut mir weh.
Und noch vor wenigen Tagen war ich so froh.
Von der silbernen Hochzeit bei Brennekes muss ich noch erzählen: Viele Menschen, viel Gerede, viel Licht und Lachen und Männergesang.
Ich war um 8:30 Uhr dort. Mäusel und Rudolf empfingen mich an der Tür. Nach gebührender Bewunderung meines Kleides ging es in die festlich erleuchteten und geschmückten Zimmer.
Der Gesangverein erscheint.
Mäusel und ich standen am Balkonfenster und plauderten. Da kam Max, der von diesem Moment an kaum von meiner Seite wich. Außer, wenn er direkt angesprochen wurde. In solchen Momenten kam Rudolf herbei, und kaum waren wir eine Sekunde zusammen, sangen die Leute drinnen: „Kein Feuer, keine Kohle …“
Dann kam Max wieder. Ich habe mich an diesem Abend glänzend unterhalten. Das Thema war Freundschaft. Rudolf saß auf meiner anderen Seite und war, ausgelassen wie er war, manchmal frech. Aber ich fasste alles auch lustig auf.
Gesungen wurde viel, und auch viele Reden geschwungen. Der alte Brenneke scheint sehr beliebt zu sein. Frau Brenneke, bescheiden wie immer, war unglücklich, im Mittelpunkt zu stehen. Herr Pastor Schnacke sprach glänzend über sie. Auch mein Freund Rudolf wurde oft erwähnt, und der ist wirklich schon eingebildet genug. Ich glaube, er hatte an diesem Tag schon wieder reichlich getrunken, denn seine Wildheit ließ darauf schließen.
Ich denke nur an den Moment draußen im Flur: Mäusel und ich wollten ihm eine Ohrfeige geben, doch stattdessen bekam ich eine. Und dann – wie es kam, weiß ich nicht – fühlte ich mich plötzlich umschlungen. Erst wild, dann ganz sanft, fast um Entschuldigung bittend, hielt er mich fürsorglich an ihn gedrückt.
Und komisch… In dem Augenblick spürte ich nur das Sanfte, das Sorgende. Erst als sein Onkel in der Tür erschien, zitterte ich vor Aufregung und Zorn. Ich machte mich los und lief mit Max, der so anders ist, die Treppe hinunter. An der Tür gab es einen kühlen Händedruck.
Heute, denke ich, weiß Rudolf schon nichts mehr davon – wie viele Mädchen er wohl schon umarmt hat? Mich friert. Deshalb gut, dass ich fort bin.
Eine Ohrfeige und eine Umarmung von dem „Freund“ mit dem Hedwig offensichtlich verkuppelt werden soll. Ob sie schon mal von einem Mann umarmt wurde? Scheint nicht so…
Am nächsten Tag besuchte ich Bawetsch (? ganz undeutlich geschrieben) und die Mühlmeisters. Frau Mühlmeister wollte gerade Gardinen aufhängen lassen, kam dann aber zu mir ins große Zimmer. Sie ist wirklich eine famose Frau.
Bald kam ihr teurer Sohn, der die beiden Herren von oben herunter holen sollte, aber nicht dazu kam. Als wir auf Hindenburgs Wohl trinken wollten, rief Frau Mühlmeister Fritz Schmidt selbst herunter. Hänschen Klein war zum Rudern gegangen.
Dann kam er (Fritz?) herein, in seinem grauen Anzug mit den kurzen Hosen, der ihm so glänzend steht. Er setzte sich an meine linke Seite und schien einigermaßen aufgeregt zu sein, was ich bisher nie bei ihm bemerkt hatte.
Ich blieb weit länger, als ich eigentlich wollte. Als ich mich verabschiedete, erklärten beide (Fritz und Frau Mühlmeister?) prompt, dass sie mich begleiten wollten. Das war mir eigentlich zu viel des Guten, aber nicht zu ändern. Sie erledigten mit mir alle Besorgungen und begleiteten mich bis zu Tante Grete, die ich noch besuchen wollte. Dann ein Händedruck zum Abschied.
Ich verstehe die Verbindung von Fritz und Hans zu den Mühlmeisters nicht. Sie scheinen, den Nachnamen nach, nicht miteinander verwandt zu sein, aber wohnen scheinbar bei der Familie Mühlmeister. Außerdem verstehe ich nicht so ganz die Verbindung die Hedwig zu diesen Personen hat. Was meint ihr?


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