

Dienstag, den 26. Mai 1925
Sabinchens Onkel Uli ist gestorben.
Heute Morgen kam Mädi herauf, nahm das Kind auf den Schoß und sagte es ihr. Ich bewunderte ihre Selbstbeherrschung nachher bei Tisch. Und doch spürte ich die Trauer.
Seit wir in den letzten Tagen ganz allein waren, bin ich ihr nähergekommen. Gemeinsamkeiten ergaben sich: Studenten, Bücher, Reisen. Mädi ist zweifellos ein interessanter Mensch – ihr Äußeres allein: brauner Teint, schmales Gesicht, große Augen, Bubikopf. Ihre Stimme hat dieses leicht nasale, aber natürliche Sprechen. Ihr Lachen ist frisch, die Zähne blendend weiß. Sie muss innerlich viel erlebt haben.

Morgen Abend kommen alle anderen zurück, und am Freitag ist die Beisetzung in Imshausen. Wann ich fahre, weiß ich noch nicht.
Ich dachte beim ersten Lesen, Hedwig wäre Sabine näher gekommen und nicht Mädi, aber das macht im Kontext mehr Sinn. Ich freue mich, das Hedwig eine Freundin gefunden hat und nicht mehr so einsam sein muss. Ich bin mir bei dem Ort nicht sicher, aber es gibt ein Imshausen ins Hessen. Also… könnte sein.

Viele Briefe und Karten hab ich bekommen. Komisch: am selben Tag, mit derselben Post kam eine Karte von Frau Brenneke mit einem Gruß an „Fräulein Kollege“, eine von Rudolf – und dann eine zweite, ganz eng beschriebene Karte vom Steinhuder Meer. Derart lustig, dass ich laut lachen musste. Sabinchen fragte natürlich sofort nach dem Grund.
Annemarie schreibt, dass wir beide mal einen ganzen Tag zusammen ausfliegen. Hoffentlich stimmt Idel zu!
Was stand auf der Karte, dass Hedwig laut loslachen muss? Meinstens, wenn man etwas lustiges liest, grinst man oder lächelt kurz, aber Lachen… Das ist selten. Und schon wieder Annemarie. Das muss eine sehr gute Freundin sein. Aber spannend, das Hedwig mit fast 24 noch die Erlaubnis von Idel braucht. Andere Zeiten…
Ich fühle mich hier mittlerweile viel wohler. Aber zehn Jahre, wie Sabinchen es hofft, werde ich wohl kaum bleiben. Hoffentlich nicht!
Das Kind macht mir Spaß. Sie ist nicht leicht zu behandeln, aber ich freue mich, dass ich ihr meinen Willen klarmachen kann. Sie ist eigentlich ein liebes Ding, verlangt aber leicht zu viel von einem. Dauernd soll man dies und das am Waldi bewundern. Ihre Gespräche mit ihm sind köstlich.
Sie hat viel Mütterliches an sich. Selbst sehr anschmiegsam, hält sie den armen Köter am liebsten fest umschlungen und liebkost ihn. Ihre Puppen interessieren sie wenig, aber Schauergeschichten oder ausgedachte Streiche von Meier und dem Unteroffizier hört sie für ihr Leben gern.

Unser Garten blüht und gedeiht.
Am Sonntag waren wir übrigens in Barterode bei Conrad Hollsche. Jung ist er nicht mehr. Auf seinem weißen Haar sitzt das schwarze Samtkäppchen. Unter seiner Stirn leuchten scharfe Augen. Seine Schwerhörigkeit hindert ihn etwas daran, an lebhaften Gesprächen teilzunehmen – dafür ist ihm die lange Pfeife ein Ersatz.
Charakteristisch für ihn erschien mir sein Vortrag. Er erzählte das Märchen vom „Juden im Dorn“ mit einer klangvollen Stimme. Mal gedämpft, mal laut schallend, malte er Bilder vor das innere Auge.
Wir sprachen von alten Zeiten. Seine Frau, die alte Pastorin, ist eine gütige, ruhige Frau. Ihr weißes Haar und ihr liebes Gesicht passen perfekt in dieses Haus. Alles – die Möbel, die Gardinen, sogar die Plätzchen – schien aus einer längst vergangenen Zeit zu erzählen.
Unten wohnen die jungen Leute. Die Frau, zart und lieblich, mit dem Kind auf dem Arm, erschien mir so anmutig. Sie ist übrigens eine Schwester von Dr. Bommentsch. Ihr Mann, der junge Ehemann, ist sehr gewandt im Erzählen und Unterhalten.
Wenn die Kirschen auf der Alm reif sind, fahren wir wieder hin.
Rainer Maria Rilke geht mir nicht aus dem Sinn – mit seinem Malte Laurids Brigge. Es ist nicht bescheiden genug.

Schön, dass Hedwig sich inzwischen wohler in Adelebsen fühlt. Sie scheint mit Sabine klarzukommen und findet auch langsam Freunde und Freude im Alltag. Es geht Bergauf. Und Karten und Briefe helfen beim Heimweh. Gespannt wann wir mal wieder was von der Familie hören (Marie interessiert mich besonders).

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