Die Einsamkeit der Anderen

2–3 Minuten

Mittwoch, den 24. Juni 1925

Nach all den Regentagen heute endlich Sonnenschein.

Nach der Schule ging ich mit Sabinchen spazieren – herrlich warm war es. An den Wegen blühten noch immer die Heckenrosen. Ich pflückte mir nur zwei. Wenn sie beim Pflücken die Köpfe hängen ließen, dann ließ ich sie lieber am Strauch.

Gerade wollten wir den Burgberg erklimmen, da kamen Herr Schmidt mit dem Verwalter vom Gut herunter. Sabine wollte mit Herrn Schmidt das Gut besichtigen – ich sollte auch mit, aber da sprang Waldi vor. So trollten wir beide zum Lechtmer Berg hinauf.

An der Friedhofsmauer entdeckte ich einen kleinen Weg, der außen entlangführte. Von dort aus sah man die Felder und oben die Burg. Ich ließ mich auf einer Holzbank nieder, während Waldi Fliegen jagte. Ich schaute in die Sommerwelt, auf meine Heckenrosen – und träumte.

Mal so ganz allein sein ist herrlich.


Gestern hatte ich mich sehr über Sabine geärgert: Als ich ihr ruhig sagte, sie solle ihre Arbeit wegen der vielen Fehler und der schauderhaften Schrift noch einmal abschreiben, gab sie mir einfach eine schallende Ohrfeige. Das Blut stieg mir in den Kopf, aber ich beherrschte mich.

Sie ging schnell weg, warf mir dabei aber einen Blick zu – halb ängstlich, halb triumphierend.

Ich fing diesen Blick auf und sagte nur: „Das war sehr, sehr hässlich von dir.“

In meinem Herzen aber erstarb etwas, das vorher in Liebe und Freundschaft geglüht hatte.

Wie rätselhaft dieses Kind ist! So viele Liebesbezeugungen in Briefen, Küssen, Flehen und Bitten, dass sie morgens mit in mein Bett dürfe – was ich eigentlich gar nicht mag. Und dann so ein Ausbruch.

Sie hat versprochen, es nie wieder zu tun – aber …


Gestern Abend war ich bei Fräulein Sprenger, es war famos. Auch Fräulein Mahrenholz war da. Vorher musste ich mir den Schlüssel aus dem Zimmer der Baronin holen. Herr Schmidt war noch dort und las die Zeitung.

Als ich zum Schreibtisch trat, hörte ich seine Stimme sagen: „Sie bleiben doch wohl bei uns?“

Aber ich musste ja zu Fräulein Sprenger.

Ich schätze den neuen Gutspächter (Herr Schmidt?) auf etwa 40 Jahre. Aus Ostpreußen stammt er, wo sein Vater noch Land besitzt. Mit dem Auto ist er hergekommen – er scheint ein Willensmensch zu sein, kann reden, „geädassete Frau hier und da“. Ich bin froh, dass er gut durch den Winter gekommen ist.

Heute beim Mittagessen sagte er in Bezug aufs Wetter, dass er „meistens Glück mitbringe“. Wirklich beneidenswert.

Gerade hat sein Auto wieder gehupt – er fährt nach Göttingen. Ich wollte ihn eigentlich bitten, mir eine Arbeiterrückfahrkarte von der Bahn mitzubringen. Aber ich sag’s lieber Dieter Nagel.

Diesen Sonntag wollen wir nach Barterode. Und vielleicht fahre ich nächsten Sonnabend nach Hannover.

Idels Brief hat mich beunruhigt – sie leidet an Einsamkeit.

Annemarie schreibt: „Das Muckertum muckt noch immer.“

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