Märchenträume im Fleckenswald

1–2 Minuten
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Sonntag, den 12. Juli 1925

Ich dachte, ich würde ihn heute bei den Missionsfest in der Allee sehen und sprechen können, aber nein, aber nein…

Erst heute Morgen habe ich mit Mädi und Bine einen herrlichen Spaziergang in den Fleckenswald gemacht. Helfe, Räuber, Riese und Indianer haben wir gespielt. In der Heide zwischen grünen leuchtenden Tannen, spielte Mädi mit fabelhaftem Talent eine englische Lehrerin .

Eigentlich wollten wir die Weide mit dem vielen Vieh suchen, die nach Herr Schmidts Angabe, mitten im Wald liegen soll, aber wir fanden sie nicht. Mädi wiederholte immer wieder, dann sollten wir doch Herr Schmidt selber mitnehmen. Es kam mir etwas absichtlich vor, dass sie so häufig seinen Namen nannte. Auch meine Tante (Idel?) denkt immer, ich weiß alles von ihm. Und „tatsächlich“ sagte er auch immer so komisch.

Ich habe gar keine Lust mehr Briefe zu schreiben. Am liebsten sehe ich aus meinem Badezimmerfenster und wenn das, was ich wünsche, in Sicht ist, ziehe ich mich schnell zurück.

So wie gestern: ich saß auf der breiten Fensterbank und nähte Stich um Stich. Dann und wann schweifte mein Blick über das Land. Da! Plötzlich! Auf
der Märchenwelt. Wieder ein Reiter. Näher und näher kam er. Ich war das Burgfräulein, und da kam der Ritter. Ich hörte die Pferdehufen auf dem Hof, sah, wie ein Knecht hinlief, um den Steigbügel zu halten. Dann schwang er sich aus dem Sattel und während der Knappen den Fuchs (rotes Pferd) wegführte, schritt er langsam aber sicher über den Hof. Da blickte er hoch.

Er sollte nicht sehen, dass ich auf ihn gewartet hatte. Schnell sah ich weg, glitt von der Fensterbank herunter.

Es ist viertel vor neun. Eigentlich sollte ich in der Kirche sein, aber so allein… Das mag ich nicht. Unten im Garten habe ich ihn wandern sehen, scheinbar seine Eltern und einer junge Dame noch dabei. Seine Schwester oder seine Braut?

Jetzt sehe ich nichts als die roten Wolken am Himmel über dem Wald mit den
Königstannen. Schrecklich, aber ich freue mich nicht, dass ich in 14 Tagen schon
wieder nach Hannover fahre. Ich müsste mehr arbeiten und kann’s doch nicht…

KI generiert

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