



Donnerstag, den 23. Juli 1925
Was war das gestern wieder ein Tag! Nach der Schule um elf Uhr lief ich hinunter aufs Gut. Lotte Schmidt empfing Waldi und mich: „Haben Sie meinen Bruder nicht getroffen, er ist eben zur „Rentei“ gegangen?“
Aber ich hatte nichts von ihm gesehen. Nun wartete ich so lange. Den Vater und die Mutter habe ich auch wieder gesehen, beide so nette Menschen. Lotte und ich sprachen über Studenten, etc. Sie meinte Kurt fühlte keine rechte Lust nach Göttingen zu fahren, er hätte noch nichts wieder davon gesagt.
Doch als er hereinkam empfing ich ihn gleich mit den Worten: „Also, Sie können nicht fahren?“
Und erhielt prompt zur Antwort: „Doch, ich kann.“
Dann wurde auf Viertel vor vier verabredet. Ich war zur richtigen Zeit unten und musste noch gleich Kaffee mit trinken. Wobei der treue Kurt seinen halben Kaffee verschüttete. Er sagte dann: „Aus Freude.“
Dann müsste er sich noch umziehen und um halb fünf saßen wir endlich im Auto. Der Besitzer allein vorn. Ich hatte gesagt, ich führe gern schnell, nun sausten wir durch die Gegend. Um fünf Uhr waren wir in Göttingen. Lotte musste noch erst zur Post. Dort hielten wir zehn Minuten. Schließlich fuhren wir unverrichteter Sache ab zum Auditorium, wo ich ausstieg, um Hilde zu treffen, aber Hilde war nicht zu sehen. Statt dessen begegnete mir ein Student in einer gelben Jacke, der mit mir alles absuchte. Er musste letztes Mal mit mir getanzt haben, aber der Name Kirschberg war
mir doch fremd.
Wir stiegen also wieder ein und fuhren zurück zur Post. Dieses Mal klappte es. Solange wir allein waren, redeten wir über Hilde Balterstedt, ärgerten uns oder lachten. Als ich sagte, meine Freundin Hilde wäre reizend, meinte er, das hätte er als selbstverständlich angenommen. Ich sagte nur, er müsste sie kennenlernen. Und das hat er dann auch wohl weidlich getan und sich anscheinend Knall und Fall in sie verliebt. Sie sah ja auch wieder süß aus.
Aber vorher hatten wir drei noch recht nette Erlebnisse. Wir hielten vor der Weender Straße um jeder für sich, das heißt ich mit der Schwester, Besorgungen zu machen. Nach zwanzig Minuten trafen wir uns beim Auto. Lotte und ich saßen beide schon drin, während er ankurbelte, aber… Was sollte das? Er dreht und dreht mit der Vehemenz und Ausdauer, dass seine ganze Hand kaput wird. Und das Auto gibt keinen Ton von sich.
„Was ist denn nur, Kurt?“, fragt die Lotte, aber Kurtchen gibt genau wie sein Auto, keinen Ton von sich. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und dann dreht er wieder. Obgleich er mir im Herzen leid tat und ich seine Hand hätte kühlen mögen, die
er mir nicht zeigen wollte, konnte ich mir das Lachen nicht verkneifen. Es war nicht möglich. Wir standen bald im Mittelpunkt des Interesses für alle Passanten. Der gute Kurt untersuchte sein Auto von oben und unten, aber er fand nichts. Die Schwester und ich machte noch mal Besorgungen: Stoff für Vorhänge, Bilderrahmen, etc. Als wir wieder kamen hatte er vom Hotel Wasser kommen lassen und ein Mann im blauen Kittel arbeitete an dem Auto. Er als Herrscher aller „Reuken“ stand dabei. Als wir dann zum zweiten Mal wieder kamen, konnten wir einsteigen. Der Motor lief wieder, er war zu heiß geworden.
Es war allmählich sieben Uhr geworden. Nach einem bezeichnenden Blick der bei uns dreien die Runde machte, fuhren wir los. Eine wahnsinnige Fahrt war das. Unsere Südwester (Kopfbedeckung) flogen uns um die Augen, ich konnte gar nichts mehr sehen. Schließlich machte ich die Augen zu. Mit einem mal hielt der liebe Kurt. Er drehte sich lachend um und sagte: „Nörten.“ „Mariaspring“ lag weit hinter uns. Da hab ich aber laut gelacht. Nun drehten wir um und im Saus zurück. Vorn das Wasser krachte. Wir kriegten immer heiße tropfen ins Gesicht. Fräulein Schmidt kann auch lachen.
Vor „Mariaspring“ hielten wir. Nun, bei dieser Menschheit, wie sollte ich Hilde treffen? Ich zog voran. Man folgte mir. Da kamen alle die Paare zum Tanzen herunter und ich hatte Glück. Hilde Ballerstedt leuchtete in ihrem grünen Kleid. Da war sie, und alle anderen auch. Sie war um Viertel nach 5 abgefahren. Dann zogen alle zum Tanz und wir suchten nun die Plätze. Wir standen oben und sahen uns alles an. Schließlich kam Herr Esser herauf und holte uns. Wir Damen bekamen noch alle Platz. Der treue Kurt blieb gleich bei Hilde sitzen. Vorläufig freute er sich glaube ich, dass er saß. Ich durfte nicht zu ihm hinsehen, dann musste ich lachen. Er sieht auch zu komisch aus: diese Augen, dieses treue rote Gesicht.
Ich saß kaum, da musste ich schon tanzen. Und ehe Herr Schmidt überhaupt eine Tanzkarte hatte, hatte ich schon fünf Tänze hinter mir. Dann bestellte er für seine Schwester und mich „Eitram“. Und schließlich hatte er auch eine Tanzkarte. Der erste und einzige Tanz galt mir. Ich weiß nicht, ob er mit einer Dame öfter getanzt hat. Jedenfalls tanzte er gut. Man fühlte sich sicher bei ihm, sein Rücken konnte auch erst einige Pässe aushalten. Ich hatte gedacht, ich würde ihm nicht so hoch reichen, aber er war, glaube ich, nur einen Kopf größer. Er sagte, dass wir Freitag bei ihm, im Familienkreise, zum Gramophon tanzen wollten. Aber ich sagte, ich reiste am Morgen ab. Nun wollte er mich überreden zu bleiben und eher wiederkommen musste ich auch. Sonst wäre ich ja nicht mal zu seinem Geburtstage am 17. August da. Aber so viel früher kann ich doch nicht wiederkommen.
Der kleine Welke war auch da. Er wollte immer, dass ich lache. Dann fragte er mich plötzlich, ob ich mit zur Schießbude wollte. Da hat er fabelhaft geschossen. Ich staunte. Dann wollte er noch unten ins Herz treffen, das ist ihm aber nicht gelungen. Als wir zurückkamen, wurde noch getanzt. Wir wollten eben anfangen, da war Schleiß. Gleich zu Anfang hatte er Hilde und Fräulein Ruß eingeladen im Auto zurück zu fahren. Nun fragt er mich, ob es mir recht wäre. Natürlich und ich schämte mich vor mir selber, dass ich auf Hilde eifersüchtig war. Jetzt bin ich nicht mehr. Wenn er sie liebt, kann ich es nicht ändern. Jedenfalls ist Hilde ein feiner Mensch. Vielleicht werde ich sie dann mal besuchen.
An mir geht eben doch zuletzt das Glück vorbei. Ich darf nur immer etwas davon kosten. Nachdem ich noch drei Karten geschrieben hatte (seine Handschrift gefällt mir, er weiß doch was er will) und den letzten Walzer mit Helmut W. getanzt hatte, stiegen wir ein. Er kurbelte noch sein Auto. Hilde saß vorn bei ihm. Vielleicht habe ich ihr zu ihrem Glück verholfen. Wenn ich doch erst ganz froh drüber sein könnte. Dann brachten wir Fräulein Fries ins Studentenheim und wir andere fuhren in den Franziskaner. Nachdem wir drei Damen Eis gegessen hatten, bestellte dieser feudale Kurt ein ganzes Menü. Und Hilde und ich, wir waren so satt. Im Lokal waren viele Studenten. Das war ein Lärm da. Ich musste so lachen, dass Kurt Schmidt wieder mitlachen musste. Dann sagte er zu Hilde irgendetwas über mein kostbares Lachen. Kostbar ist überhaupt sein Lieblingswort. Ich könnte ihn Ohrfeigen, wenn er „mein gnädigstes Fräulein“ sagt.
Ich glaube, dann hat er Hilde sehr tief in die Augen geguckt und sie eingeladen zum reiten und fahren und alles könnte sie. Ich dachte nur: „So seid ihr Männer also.“ Es war zehn vor zwölf, als wir Hilde hach Hause brachten. Ich hatte sie allerdings zuerst nach Adelebsen eingeladen. Dann fuhren wir heim und er meinte, nun säße er ganz allein da vorn. Und weil die Lotte mir zuredete, bin ich vorn eingestiegen. Ich hätte es wohl nicht tun sollen. Sicher bildet er sich jetzt viel ein. Aber wunderschön wars doch. Erst erkundigte er sich nach Hildes Eltern, etc. Ich hoffe nicht, dass er etwas von Eifersucht bei mir gemerkt hat. Und wie ich so neben ihm saß, da war ich so ruhig und freute mich so über den Sternenhimmel und über die helle Märchenstraße vor uns. „Wie der Heilige Hain von“ „Bäcklin“. Am schönsten war es, wie wir schweigend durch die Nacht fuhren.
Unten auf dem Gut verabschiedete ich mich. Lotte sagte, ich müsste vor meiner Abreise unbedingt nochmal kommen. Er wiederholte es, aber es klang mir so nachamisch. Er dachte eben nur an meine Freundin. Und zum Weinen war mir gar nicht zu Mute, es war eine merkwürdige Stimmung.
Nun weiß ich nicht, ob ich noch hingehe.


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