

Donnerstag, den 30. Juli 1925
Und ich bin nicht mehr hingegangen. Ich muss jetzt zur Strafe immer daran denken. Morgens um sechs sehe ich ihn wegreiten und um halb acht kommt er wieder. Aber er sieht nun nicht mehr herauf. Und doch stehe ich oben am Fenster und warte…
Unten im Garten bin ich auch, rede mit ihm und frage ihn, ob er denn Hilde schon wieder gesehen hat, aber er sieht an mir vorbei.
Es ist schrecklich. Ich bin in Hannover, laufe durch die Straße, gucke mir jedes Auto an, ob es hinten wie ein Schiff aussieht. Ich sehe mir auch die Leute an, die darin sitzen, was mich früher nicht die Spur interessierte. Ich denke, in Adelebsen hat man sicher keine Zeit oder Lust nach Hannover zu kommen. Dort wird Roggen eingefahren. Ich höre das Summen der Dreschmaschine.
Binchen schreibt mir rührend fleißig. Vier Briefe in sechs Tagen. Sie hat Heimweg,
wirklich Heimweh. Bilder hat sie mir auch mitgeschickt. Ob man ihr die nicht doppelt geschickt hat?
Morgen fahren wir nach Riethagen. Und vorgestern Abend kam ich mit Idel aus der Stadt, da begegnet uns in der Maschstraße W. S. marmorne Blässe, tiefe Verbeugung, vorbei. Und mein Herz zuckte noch!
Am 14.8. hat er Geburtstag und drei Tage später der andere. Und dem anderen möchte ich eine Freude machen. Blitz schnell kam mir neulich der Gedanke. Im Brief zum Geburtstag ein Vierklee. Weil er, wie er sagte, das Glück nicht gefunden hat (weil er im Hasenklee suchte).
Hilde Mun. ist in Harzburg, ich habe noch keine von meinen Freundinnen gesehen. Hier ahnt niemand etwas. Das darf auch nicht sein. Dieses Mal muss ich stark sein und alles allein tragen. Ich möchte nur wissen, ob er manchmal an Hannover denkt.
Die Sonne muss wieder scheinen wie am Tage meiner Abreise dort. Die ganze Familie war schon unter der Blutbuche versammelt, als ich mit Bine und Sepp nochmal durch das Lustfeld hinunter zur Hängematte lief. Zum Abschied ein letztes „in den Himmel fliegen“. Und nochmal. Und nochmal. Es war ja Sommer und Sonne.
Dann ein Verabschieden von allen, frohe Gesichter wünschten mir viel Vergnügen und die Tante Ilse außerdem nette Sonntagsspaziergänge. Der Wagen war voll, das kann man wohl sagen. Baronin Stahlenheim Henning saß vorn bei Kramer, der Baron mit Bine und ich mit Sepp auf dem Schloß. Dabei hatte Bine ihren Arm um mich gelegt.
Der Baron fuhr mit mir bis Kreisen. Augen und Bemerkungen kann er machen, ich fasse alles scherzhaft auf. Und ausgefragt hat er mich nach Mariaspring. Und sogar, wann Herr Schmidt denn den Hof gemacht hätte, mir natürlich. Lachend sagte ich: „Nein, meiner Freundin.“
Ob die hübsch wäre? Ja reizend. Dann fragte er nach meinen Schwestern und ob keine verheiratet wäre.
„Nein, keine“, gab ich in lakonischer Kürze zurück… Schweigen…
„Nicht wahr. Frau Schmidt scheint eine sehr nette Dame zu sein.“ Ich ahnte seine Gedankenverbindung. Ich möchte wissen, ob er „ihn“ auch so ausfragt.
Ist es zu glauben? Ich freu mich auf den 24. August. Jetzt ist Adelebsen nicht mehr das langweilige Nest, das nur wegen seiner Lage interessant ist. So ganz anders fühl ich mich da. Auch nicht mehr so in der Luft schwebend, zwischen Adel und Bürger, wie zuerst. Wenn ich will, brauche ich nur aus Freundschaft schließen.
Gestern träumte ich, der Baron wäre gestorben und die Baronin hätte nicht einmal geweint!


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