Das Leid der Erde

1–2 Minuten

Dienstag, den 1. September 1925

Idel hat mir einen lieben Brief geschrieben. Sie glaubt fest daran, dass mir noch ein gutes Stück irdisches Glück vorbehalten ist. Sie sagt, der liebe Gott habe alles bereits bestimmt. Sie fragt, ob mir denn ein Herzenswunsch vorschwebe.

Aber das darf ich ihr nicht schreiben. Es ist ja doch so aussichtslos. Mein Mädchenstolz lässt es nicht zu, dass ich ungeladen hinuntergehe, auch wenn ich Tag und Nacht daran denke.

Heute war ich bei Fräulein Sprenge, die mir von Tirol erzählte. Vom wilden Eisland, von der Plose, von Schloss Emma. Und das grüne, grüne Wesen mit dem Plattkopf hat sie gesehen! Könnte ich doch reisen. Bis ans Ende der Welt!

Draußen heult der Sturm um unser Bergschloss. Schüttelt die hohen Bäume. Der Herbst kommt.

Mary schreibt mir aus Helsingfors (Helsinki). Auch sie leidet unter dem allgemeinen Leid der Erde. Nur sterben darf sie noch nicht. Meine Seele liebt ihre Seele, über Länder und Meere muss ich sie suchen. Am schönsten wird es doch erst sein, wenn wir ganz frei sind. Ich freue mich jetzt wieder darauf, wie damals in der Bank, als alte Erdennot über uns hereinbrach. Fräulein Koch würde wohl sagen: „Ungesunde Jugend.“

Aber sie hat nur zum Teil recht, denke ich jetzt.

Hier ist wieder viel Besuch. Immer die lange Tafel, immer die Unterhaltung oben. Und ich sitze bei den Kindern und bekomme selten auch nur einen Blick, ein einziges Wort, einen kleinen Brocken Aufmerksamkeit ab. Früher krampfte sich mir dabei das Herz zusammen. Jetzt denke ich schon: Das ist es nicht wert. Was gehen mich all diese fremden Menschen an? Lasst sie reden, lasst sie lachen und scherzen. Dann bleibe ich eben für mich allein.

Diese Tage gehe ich meistens gleich nach Tisch durchs Servierzimmer in die Küche, um Muschis Sachen zu holen, denn ich dachte: Dich vermisst ja doch niemand.Heute aber sagte die Baronin: „Wo bleiben Sie denn immer?“

Ich will zu Muschi.


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