Romeo und Julia

4–6 Minuten

Donnerstagabend, den 24. September 1925

Gestern waren wir im Theater. Vorgestern, am Dienstagmittag, holte ich Lotte zu einem Sonnenspaziergang ab. Ein sonniger Weg zwischen hohen grünen Tannen, roten Fliegenpilzen am Boden und darüber der azurblaue Himmel. Sonne, Licht, Wärme, heitere Gespräche, Jauchzen und Singen.

Ein Spätsommertag, an dem meine Sehnsucht gestillt war. Durch so viel Schönheit und auch durch Freundschaft. Kein einziger trauriger Gedanke kam mir.

Mitten in dieser Waldung setzten wir uns nieder.

Und Sonntag hatte man mir aufgelauert. Auf dem Stieg spielte Waldi, als ich aus der Kirche kam. Ein Juchzen, und ich hatte geantwortet. Oder sie hatten mich nicht wieder gesehen?

Nachmittags wartete Lotte. Ich sollte sie zum Spaziergang abholen. Sie dachten, abends um halb neun käme ich. Das erzählte er.

Danach waren wir jeden Tag zusammen. Auch Herrn Edam sah ich immer. Sein Händedruck gefällt mir.

Und nun zu gestern:

Um fünf Uhr fuhren wir ab, ausgerüstet mit Ferngläsern, Decken, Taschen. Er trug einen blauen Anzug, ich mein schwarzes Kleid mit weißen Besätzen. Lotte und ich saßen im Wagen hinten. Bine rief uns noch aus dem Fenster nach.

In Göttingen erledigten Lotte und ich erst gemeinsam Besorgungen. Dann trafen wir uns alle im Hotel Kram. Im Saus ging es weiter zum Theater. Es waren nur noch vier Plätze nebeneinander in der Premium Loge frei. Lotte richtete es so ein, dass Kurt neben mir saß. Er sah sich mit Lotte das Pensionat an. Komisch, es störte mich gar nicht. Ich musterte die Leute durch mein Opernglas. Die ganze Stimmung, in der ich mich befand, kann ich gar nicht wiedergeben.

Ich hörte immer sein Atmen neben mir, spürte den Blick seiner Augen auf meinen Armen, die ich von der Brüstung herunternehmen musste. Auf der Bühne: Werben mit Worten, Blicken und Küssen. Zuweilen hörte ich seine Bemerkungen dazu:

„Das geht aber rasch.“

„Ja.“

„So schnell muss man sich den Kuss holen.“

„Ja.“

Da war er wieder ganz still.

In der ersten großen Pause sprachen Edam und er über Handschuh küssen und ähnliches. Das Pensionat Wolze wurde begrüßt. Für eine im braunen Samtkleid zeigte er Begeisterung. Sein Arm lag neben mir, ich zog meinen zurück, weil mein Herz so klopfte. Julia spielte gut; Romeo hätte Martin Jente sein müssen. Ich fand ihn nicht leidenschaftlich genug. Am Ende waren alle tot, weil sie zu sehr geliebt hatten.

Mütze auf, Mantel an und raus. Ab zum Ratskeller. Alle aßen, aber ich trank nur Kakao. Ich konnte nichts essen. Mir gegenüber saß Herr Edam, Lotte und ich auf dem Sofa, er neben Lotte. Ich weiß nicht, ob er mich viel ansah. Jedenfalls wollte er wissen, wie mein Geschmack bei Männern sei: dunkel, mit tiefliegenden Augen?

Lotte war zwar froh, aber doch ziemlich schweigsam, sodass ich anfing, von den Barons zu erzählen. Ich wüsste gern, ob er mich hübsch fand.

Um elf Uhr wollten mir beide Herren in den Mantel helfen. Herr Edam beanspruchte es als sein gutes Recht.

„Gute Frau, wollen Sie sich zu mir setzen?“, fragte Kurt am Wagen.

Ich stieg also vorn ein.

Und komisch: Dann ist er am nettesten: vernünftig, nicht albern, ernst, fast schwermütig. Von den Barons und ihrer unglücklichen Ehe kamen wir auf seinen Freund: zuerst alles Liebe und Glück, jetzt Scheidung und Not.

„Dann ist es keine richtige Liebe gewesen.“

„Gibt es denn überhaupt noch richtige Liebe?“

„Aber ganz bestimmt, sonst… was wäre sonst das Leben?“

„So, glauben Sie das?“

„Sehr.“

Da tauchte schon die große Scheune auf. Wir sind am Ziel. Herr Edams Taschenlampe leuchtete uns den Weg.

„Vielen, vielen Dank.“

„Der Dank kommt ganz von meiner Seite!“

„Nein.“

„Morgen kommt Vorabende mit Mondenschein.“

„Ja, ja.“

Fortan, den Berg hinauf. Ich war glücklich, erfüllt von dieser Begegnung. Das war Leben, wundervolles Leben. Ein Stück seiner Seele hatte ich gesehen. Morgen. Morgen sehen wir uns wieder! Mir kam gar nicht der Gedanke, dass er mich deswegen noch lange nicht zu lieben brauchte. So leicht, so froh war ich selten.

Schlafen konnte ich nicht. Nebenan miaute die Katze. Ich zog die Decke hoch und versuchte einzuschlafen. Vergebens. Immer wieder hörte ich seine Worte: „Gibt es denn noch richtige Liebe?“

Ich antwortete ihm innerlich. Meine Zunge war ganz trocken, die Augen weit offen, die Hände unter dem Kopf. Lautlose Stille. Alles schlief längst, nur ich nicht. Ich faltete die Hände und versuchte zu beten. Nur mein Bettgebet kam mir in den Sinn. Dann lauschte ich wieder seinen Worten.

Der Morgen brach herein. Ich stand leise auf und betrachtete mich im Spiegel: nur etwas Schatten unter den Augen, sonst ganz hübsch. Die Baronin war noch nicht unten, und, oh Wunder, sie hatte nichts von meiner Kammer gehört und war sehr nett.

Schule.

Spaziergang unterm Regenschirm…

Nach Tisch fütterte ich die kleine Katze aus der Küche. Nach dem Kaffee ging ich zu Schmidts mit Edams Lampe. Bine, Szene! Ich hab Sehnsucht nach Lotte Schmidt. Unten war nur der alte Herr Schmidt, den ich immer so schlecht verstehe. Lotte war bei der Post. Die alte Frau Schmidt backte Kuchen fürs Erntefest. Dann kam Lotte zurück und freute sich über meinen Besuch. Dann kam auch Kurt und begrüßte mich als „Tantesse“.

„Wenn ich’s erst so weit gebracht habe!“, alles lachte.

Er hatte heute Morgen seinen Schiller aufgeschlagen und das Lied von der Glocke gelernt. Nun meinte er, dass er es mit dem Lebensmai hersagen müsse – das hätte ihm neue Kraft gegeben. Dieses Gesicht dazu! Dann wieder die Rede vom Pensionat: In 20 Minuten wisse er, ob mit einem Mädchen etwas los sei oder nicht. Beneidenswerter Mann!

Dann rief die Arbeit ihn und mich. Edam mit seinem festen Händedruck erschien auch noch. Ich fragte Lotte, wann sie mal nach oben käme. Da meinte Kurt, ich sollte lieber mal ihn einladen.

„Das sollte Ihnen so passen!“

Die Herren fuhren aufs Feld, aber es regnete in Strömen. Für Sonnabend bin ich extra eingeladen. Da muss ich wohl erscheinen. Sonntag soll Bibel werden. Sonnabend schickt Lotte ihr Kissen ab, dann zeigt sie mir das Stricken, ich denke für Idel.

Es regnet unaufhörlich.

KI generiert

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