

Montag, 5. Oktober 1925
Gestern kam ich nicht zum Schreiben – so schön war mein Geburtstag, trotz allem Trubel. Ich kann nicht alles erzählen.
Am Sonnabend nach Tisch waren Hilde Ballerstadt und Lotte Schmidt bei mir. Wir machten einen Mondscheinspaziergang, Arm in Arm. Ich fühlte mich so glücklich und so froh, zwei so liebe Menschen an meiner Seite zu haben. Punkt zwölf Uhr waren wir am Fuße des Burgbergs und verabschiedeten uns mit einem Händedruck. Wenn doch nur ein Bruchteil all der Glückwünsche in Erfüllung ginge! Ich war gar nicht müde, ich hätte bis ans Ende der Welt wandern können.
Ich frage mich, ob Hilde Lottes Bruder liebt. Sie sprach bei mir überhaupt nicht von ihm. Und ich danke Gott, dass ich diese alberne Eifersucht überwunden habe. Jetzt fühle ich mich so frei und leicht und denke: „Der liebe Gott wird es schon richtig machen.“
Und wenn ich dich liebe, was geht’s dich an?
So lieb waren alle zu mir. Vom kleinen Kind, das mich immer umarmte, bis hin zu Herbert. Sogar Frau Reinhardt! Ich konnte ihnen allen gar nicht genug danken, meine Augen lachten den ganzen Tag. Ich war in so froher Geburtstagsstimmung. Die Kerzen brannten, die Rosen leuchteten, die Uhr stand auf meinem Platz am Frühstückstisch. Sogar die Baronin war sehr höflich zu mir. Allerdings bin ich da nicht sicher, ob ihr Herz dabei war. Ich habe mich trotzdem einfach gefreut.
In der Kirche dann: Loben und Danken. Es war Erntedankfest.
Lotte schickte mir Rosen aus ihrem Garten, weiße Rosen. Als ich das Papier aufmachte, glaubte ich für Sekunden, Hildes Herzschlag zu hören. Liebt sie ihn vielleicht doch? Aber die Rosen waren ja gar nicht von ihm. Außerdem schenkte mir Lotte Schokolade und ein Buch. Wie lieb ich sie habe. Alle beide!
Nach dem Mittagessen schlichen Hilde und ich uns davon und liefen zu Schmidts. Da war Stimmung! Das Grammophon musste mir zum Geburtstag spielen: „Üb’ immer Treu und Redlichkeit“. Es wurde gescherzt, vor allem über Lottes und meine Freundschaft: Ob das Liebe oder Hass sei? Hilde sollte sagen, ob ich früher schon so gewesen sei „Sie hat sich gar nicht gebessert“, meinte man. Ich sehe uns noch heute im Kreis in den tiefen Sesseln sitzen: Zigarettenrauch, Musik und Lachen.
Nachmittags kam Lotte zu mir zum Tee, Bine leistete uns Gesellschaft, wenn auch eher still. Doch Lotte ist mir inzwischen noch lieber als Hilde. Abends nahm uns Lotte beide mit nach unten. Hilde und ich bewunderten die Gastfreundschaft der Schmidts. Markchen fand mein schwarzes Kleid sehr hübsch. Als wir draußen waren, waren wir froh. Nur Bine tat mir leid.
Den Berg hinunter hüpften wir drei vor Freude – das Leben war herrlich! Unten, bei den alten Schmidts, wünschte mir Frau Schmidt: „Alle meine Wünsche sollen in Erfüllung gehen.“
„Siehst du, alle!“, jubelte Lotte und umarmte mich lachend. Wir dachten wohl beide an unser Gespräch beim Sonnenuntergang auf dem Westerberg. Das vergesse ich nie.
Abendbrot unten war so ganz anders als oben. Danach probierten wir, ob das Licht am Bahnhof brannte, und fuhren erst einmal hin: es brannte! Hilde und ich drückten uns vor Freude fest in die Arme. Wieder zurück, wurde gesungen und getanzt.
Er verneigte sich vor mir. Wie herrlich konnten wir tanzen!
„Wie gut wir schon eingetanzt sind“, sagte er zu Hilde. Ich spürte noch seinen Arm! Dann tanzten wir nebenan, er saß am Klavier und sang. „Nun gerade nicht!“ – also sang ich, und er begleitete mich. Hilde und ich sangen zweistimmig „Heideröslein“.
Edam witzelte: „Hoffentlich kommt da nicht der wilde Knabe.“
„Der wird schon durch Taten das Röslein besiegen“, meinte Kurt Schmidt. Gegen Viertel vor acht fuhren wir los. Auf dem Flur: „Wer sitzt denn nun vorn neben mir?“
„Da muss Hilde sitzen“, antwortete ich sofort. Also saß ich hinten mit Lotte, eng aneinandergeschmiegt, Arm in Arm, ohne Eifersucht auf die beiden vorn. Es war ja meine Freundin und Lottes Bruder. Vor uns, erhöht, saß Herr Edam. Der Mond leitete uns.
Hilde durfte nicht mehr mit. Es war ein tränenreicher Abschied!
Im „Franziskaner“ saß er links neben mir, betrachtete mein Medaillon und fragte: „Adolph. Können Sie mir etwas über den Namen sagen?“
Da sah ich ihn groß an und stellte ihn mit meinem ältesten Bruder vor. Er trank auf mein Wohl und bat um einen guten Blick. Ich frage mich nur: Liebt er mich?
Zurück stieg ich wieder bei Lotte ein und es ging mit sausender Fahrt nach Adelebsen.
„Gute Nacht, meine Kleine“, sagte er und nahm meine Hände in seine. Ich konnte fast nicht schlafen. Nun ist es schon wieder nach eins!
Heute fuhren Lotte, Bine und ich mit ihm übers Feld. Er war in bester Stimmung, sang, pfiff und pflückte roten Mohn: „Sie machen dir Kraft und schenken dir die Blumen auf dem Schloss.“
„Und wo hast du deine schönen blauen Augen her?“
Erst saß Bine neben ihm, dann ich. Er erzählte mir von Hilde. Sie meine, Männer seien nur zum Amüsieren gut. Er sehe das wohl ähnlich. Und dann wollte er schon wieder in die Heide. Ich sagte nur: „Die ist jetzt verblüht.“
Ich glaube, er denkt, ich bleibe hier in Adelebsen als Erzieherin. Aber da wird er wohl kein Glück haben!
Übermorgen um diese Zeit bin ich schon wieder in Hannover! Ich möchte etwas Schönes träumen.


Hinterlasse einen Kommentar