Der Kampf geht weiter

2–3 Minuten

Sonntag, den 25. Oktober 1925

Der Kampf geht weiter. Wenn es doch endlich vorbei wäre! Trotzdem hoffe ich, dass man mir äußerlich nichts mehr anmerkt.

Bine und ich waren heute Nachmittag wieder unten. Lotte war mittags aus Peine zurückgekommen. Herr Edam empfing uns. Die Alten und alle waren da und so nett. Ich erzählte meine Geschichte mit der Fahrkarte. Frau Schmidt lachte laut. Dann schaukelten wir wie immer.

Da sagte Lotte, dass ihr Bruder schon wieder in Berlin sei. Mit einem Mal wurde mir eiskalt. Die Welt war leer und tot. Alles, was ich danach tat und sagte, kam mir nicht mehr aus dem Herzen. Morgen sollen wir wiederkommen. Ob die Alten das nur des Kindes wegen wünschen oder auch meinetwegen?

Und die schöne Düsseldorferin hat an den Chef geschrieben, erzählte Herr Edam…

Und Mittwoch ist wieder Lehrbeginn (Keine Ahnung, welches Wort hier hinkommt). Ach, ich ertrage es nicht mehr!

Dann bei Tisch. Der Baron fragte unaufhörlich, bis ich schließlich sagte: „Der junge Herr Schmidt ist in Berlin.“

„Ob geschäftlich oder nicht, das lässt sich wahrscheinlich schon sagen?“

„Ja.“

„Hat er Sie denn auch um Erlaubnis gefragt?“

„Ich war gar nicht hier.“

Die Quälerei hatte kein Ende. Schließlich machte es mir fast Spaß. Ich wollte sehen, wie lange man das wohl aushalten kann.

Im Zimmer des Barons. Bine auf dem Schoß ihres Vaters. Ich saß auf dem Sofa. Er hatte mir acht Zigaretten geschenkt. Das Thema waren die Schmidts. Ich fing selbst an, von der schönen Düsseldorferin zu sprechen. Ich wollte sehen, was der Baron dazu sagte. Kein Muskel in meinem Gesicht zuckte, auch wenn mein Herz sich wand. Wer fragt heute noch nach dem Herzen?

Während er mich ansah, sagte er mit etwas abgeschnittener Stimme: „Die hat Herr
Schmidt auch sehr gemocht. Er war direkt in sie verliebt… Wenn sie Geld hat, sollte er
sie heiraten.“

„Ja, das hat sie vielleicht.“

Er: „Ja, es ist nun einmal heute nicht mehr so wie vor 30 Jahren. Heute braucht die
Landwirtschaft viel Geld.“

Ich bewunderte mich selbst: ganz sachlich redete ich mit ihm darüber.

Will er mir helfen oder nicht? Warum bin ich so arm?

Und das Schlimmste: Idel macht sich nun sicher wieder Hoffnungen und ich muss sie
alle zerstören. Aber es hilft nichts. Über sie darf ich leider nicht hinweggehen, wie weh
mir das auch tut. Sonst würde sie noch mehr leiden.

Ich könnte laut weinen. Ich muss aber ganz leise sein. Niemand darf es hören. Meine
Augen wasche ich mit kaltem Wasser, damit man nichts sieht. Nur der Mond sieht es.
Doch wenn die roten Vorhänge zu sind, kann auch er nicht auf mein Bett sehen. Dann
kann ich ruhig noch die Augen offenhalten und an alles denken. Und immer sage ich vor mich hin: „Er liebt dich ja nicht. Er liebt dich ja nicht.“

Vielleicht ist er auf einer Brautschau in Berlin, wie Taulin vorhin sagte, und hat jetzt die Eine gefunden. Ich sehe die Beiden vor mir: Er sieht ihr lachend in die Augen, Sie ist hübsch und hat viel Geld. Und ich sehe schon den Augenblick kommen, wo Lotte mir vertraulich sagt: „Du, Hedy, mein Bruder hat sich verlobt.“

Dann werde ich wieder meinen Wanderhut nehmen und über die braune Heide in die
weite Welt ziehen.

KI generiert

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