
Dienstagabend, den 24. November 1925
Heute kommt Fräulein Sprenger. Jetzt sollten wir eigentlich unten sein. Zum Pokern und tanzen.
Mittags waren wir unten. Schmidts luden Bine gleich wieder dazu ein, aber Mami erlaubte es heute nicht, weil G.G. Geburtstag hat. Ich habe der Baronin deshalb versprochen, Abend nicht mehr hinunterzugehen. Ich war ja auch gestern und vorgestern dort. Ich bin immer dort. Und morgen fahren wir vielleicht nach Göttingen.
Ach, war das immer schön da unten!
Erst sahen wir uns im Saal um. Alle Verwalter waren da. Lotte, Kurt, Edam und ich spielten Mah-Jongg. Und es ging mir wieder so wie schon einmal: ich konnte meine Mauer nicht aufbauen, weil er mich ansah. Weil er währenddessen auch nichts machte fragte Lotte: „Na, Kurt, willst du denn deine Mauer nicht bauen?“
Zum Essen lief ich hinauf in die Burg. Kurz darauf wieder runter.
Dann wurde gesungen. Jeder durfte sich ein Lied wünschen. Edam hatte sich all meine Lieder angesehen und verkündete laut Rudolfs Vers, worauf Kurt Schmidt auch nicht länger stillsitzen konnte und sich „die Dinger“ ebenfalls besah. Gedämpftes Licht, Gesellschaftsspiel… So etwas kann er auch. Immer wie ein Fahnenjunker! Ich hörte seine Stimme und fühlte, dass er mich ansah, wenn ich mit Edam oder Teuteberg sprach. Und Edam fasste gar zu gern meine Hand.
Wenn er doch wüsste, wie lieb ich ihn habe. Aber ich habe doch auch Angst vor ihm.
Als die Verwalter gegangen waren, sprachen wir noch über den Baron und seine Taktlosigkeit, dass er den alten Schmidt an den äußersten Flügel stellt. Ich war ganz schön geladen und sagte, ich drohte Adolph nichts von der Behandlung hier zu schreiben, sonst nähme der mich gleich von hier weg. Da meinte er: „Das hätte ja auch keinen Zweck. Du kommst ja ohnehin mal weg.“
Dann stand er so lange in der Tür, die zur Treppe hinaufführte, bis ich mich endlich verabschiedete.
Ich bin eigentlich ganz zuversichtlich und froh. Ich glaube, er liebt mich. Er bat gestern immer wieder, ich sollte doch nach dem Essen wiederkommen. Er wollte so gern singen, und ich sollte ihn begleiten. Er kam mit vor die Haustür und stellte sich neben seine Schwester.
Ich tat’s!
Erst lange Unterhaltung mit den Alten über Landwirtschaftliches. Sie weihten mich in alles ein, und mir kam gar nicht in den Sinn, dass es eigentlich fremde Menschen waren. Ich fühlte, ich gehörte dazu.
Dann waren wir drei allein. Erst stimmte er meine Gitarre, dann sangen wir beiden. Wie schön das klang! Danach hat er mir alle Hochzeitsgedichte von Lores und Wallys Hochzeit vorgelesen. Das Thema war Hochzeit. Lotte meinte, ihre Hochzeit würde wohl nicht so schön werden. Da wäre ja niemand da. Und wie das hier werden sollte, wisse man auch nicht. Sie könne ja nicht einmal zur Kirche fahren.
Es war fast wieder Mitternacht, als ich wegging. Lotte und ich konnten unsere Geheimnisse nicht besprechen.
„Ich hätte ja meinen Bruder raufschicken können“, sagte sie, „aber darüber hat er sich schon einmal bei mir beklagt. Das will er nicht.“
Wie wird nur alles noch mit uns?


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