

Montag, den 14. Dezember 1925
Heute habe ich ihn und alle dort den ganzen Tag nicht gesehen. Aber das ist nicht schlimm. Ich bin so ruhig und glücklich dabei. So, als ob sie ganz sicher zu mir gehörten.
Und wenn ich an gestern denke:
Hier der Abschied von Bine. Immer wieder umfasste sie mich: „Oh, wenn du doch meine Mutti wärst! Dann könnte ich mit euch fahren! Nur einmal möchte ich mit euch fahren.“
„Aber ich fahre ja für dich zum Weihnachtsmann!“
Wie mir dieses Kind leid tat. Als ich auf der Straße war, hörte ich sie rufen. Ich winkte hinauf, rief: „Huhu! Auf Wiedersehen!“
Da war ich schon an der Pforte. Ein halber Blick und oben auf der Treppe, vor dem Haus, stand er. Er sah mich kommen. Und er sah mich dem Kind nachrufen. Es fiel mir gar nicht ein, umzukehren. Alles war so selbstverständlich. Und wie er mir dann die Hand gab, sich zu mir herabbeugte. Da hätte ich ihm danken sollen. Denn wir waren ja wieder allein. Aber ich tat’s nicht.
Dann alles wie immer. Anziehen. Lotte fehlte noch dies und das. Edam fuhr auch mit. Erst kam noch ein Geschäftsjude. Der hielt uns eine Stunde auf. Dann: einsteigen, los, Göttingen!
Auf der Weender hielt er an: „Gnädiges Fräulein, wo und wann treffen wir uns?“
Und dann noch einmal!
Ich machte mit Lotte und ihrer Mutter ab: Treffpunkt Ratskeller, um halb sieben.
Wenn ich mit diesen Menschen zusammen bin, fehlt mir nichts. Es ist komisch! Wir hatten uns gerade Kakao bestellt, als die Herren kamen. Er setzte sich zu seiner Mutter aufs Sofa. Edam saß mir gegenüber. Wir waren so albern und ausgelassen, dass Frau Schmidt nie wieder mit ihrem Sohn loswollte. Sie machte ein todbetrübtes Gesicht zu seinen Witzen. Wir anderen lachten. Er warf seinen Pott Bier um bekam vom Ober ein Schlabberlätzchen vorgelegt.
Edam und er hatten sich die zwanzig s. Beinchen (Keine Ahnung…) angesehen. Sie waren begeistert und wollten mich Armes gleich mitschleppen. Dann warf er plötzlich seine Serviette auf den Teller. Ich sah ihn fragend an.
„Ja, so fängt’s an“, sagte er lachend, halb zu Edam, halb zu mir.
Im Theater sahen wir „Tosca“. Wir saßen im ersten Rang, mittig. Kaum zwei Minuten vergingen und wir waren gefangen.
Ich saß zwischen beiden. Ich hörte die wilde, leidenschaftliche, dunkel flammende Musik. Und wieder dachte ich: neben mir sitzt der, dessen Herz ich besitzen möchte. Er saß wie versteinert. Die Augen unverwandt auf die Bühne gerichtet.
Dann beugte er sich zu mir. So nah, dass wir uns berührten, und ich hatte keine Angst. Ich fühlte sogar, dass ich die Arme um seinen Hals legen und ihn küssen könnte. Auf der Bühne betet sie aus tiefsten Herzen für den, den sie liebt.
„Entzückend“, sagt er.
„Ja“, sage ich. Also versteht er wohl doch solche Liebe. Ich muss ihn mir einmal von der Seite ansehen. Edam bestellt mir einen Operngucker.
Und was hatte ich ihm alles sagen wollen und konnte es nun doch nicht.
„Wo wollen wir Edam absetzen, damit wir mal endlich allein sind?“ hatte er gesagt. Aber seit einem halben Jahr, solange wir uns kennen, waren wir noch nie allein im Theater. Ob es wohl einmal geschieht?
Pause. Ich sah durch mein Glas die jungen Männer oben auf der Galerie. Da trafen mich seine lachenden Augen. Zweimal machte er denselben Spaß: hielt mir plötzlich das gelbe Programm vor. Ich gab ihm einen kleinen Klaps auf die Hand, aber er lässt es nicht, lachte und tat’s wieder. Beinahe glaube ich doch, dass er verliebt ist.
Und dann mussten wir alle in die Droschken. Wir drei passten gerade hinein und zum Varieté, damit sie ihren Willen hatten. Viele hübsche Mädchen waren da, Revue. Edam war begeistert. Mich berührte dieser Sinnentaumel nicht im Geringsten. Ob ihn wohl?
Um 18:30 Uhr bei Kram warteten Lotte und ihre Mutter schon eine halbe Stunde.
Ich erzählte ihnen alles und dann ging’s heim.
Als Edam mir in den Mantel half, wollte er immer meine Hand fassen. So ein Bork.
Lotte und ich saßen hinten im Auto. Da pustete einem der Wind um die Nase. Ich war froh, als wir zu Hause waren. Rein ins Haus und Schnittchen gegessen.
Und da das Merkwürdige: Er aß immer gerade das, was ich haben wollte: Gänseschmalz, Käse, Mettwurst.
„Was ist das bloß mit euch beiden?“ sagte Lotte. Er wollte sich totlachen, als er gleichzeitig seine Hand nach der Wurst ausstreckte, als ich Lotte bat, sie mir zu reichen. Das Resultat der Revue war, dass ich die treuen Brüder erstmal kennen gelernt hatte.
Edam spielte den Kavalier und brachte mich den Berg hinab. Ich bin gespannt, ob er in der Finsternis heil hinuntergekommen ist. Ob er sich einbildete, er bekäme mehr als einen Händedruck dafür? Ich bin gespannt, was er seinem Chef darüber sagt.


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