

Freitag, den 19. Dezember 1925
Deckenspannen! Das Wort sagt alles.
Am Ofen, in schönem Seifenwasser, wuschen Bine und ich uns. Aus dem Herrenzimmer klang seine Stimme herüber. Alle trabten in unser kleines Zimmer, viel Neckerei, und die weiße Decke wurde gespannt. Da geht hinter mir die Tür auf. Erst, als Lotte sagte: „Da amüsiert sich einer“, drehte ich mich um. Ich sah aber gleich wieder auf meine Decke. Er ging um den Teppich herum, so dass er mir gegenüberstand. Ich bekam die Nadeln kaum richtig gefasst, wenn er so auf meine Hände sah. Eine solche Ausdauer im Stricken hätte er mir nicht zugetraut und die vielen Fehler werde man wohl erst nachher sehen. Da holte ich gerade zu einer Backpfeife aus, als er lachend weiterrutschte.
Aber was war das alles gegen das, was nun folgte: Bine und er sprangen immer über unsere gebückten Körper, dann ritt Bine auf mir, und als ich sie abwerfen wollte, hielt er sie nur fest.
Dann diese Haarnadelgeschichte: Er hatte geäußert, er möchte mich wohl einmal mit losem Haar sehen und nun versuchte Bine mit List und Tücke, Lotte und mir die Nadeln aus dem Haar zu ziehen. Ich fühle noch den Griff seiner Hände an meinen Armen. Mit freudiger Angst spürte ich seine überlegene Kraft und wurde still.
Er spielte nebenan Klavier. Bine quälte uns wie eine Furie. Schließlich war mein Haar offen.
„Kurt, komm, komm!“, rief das Kind. Mir stieg das Blut in die Wangen. Bine gebärdete sich wild, riss mich an meinen Haaren zu Boden und da kam er. Ich versteckte mich hinter einer Tür, die er dann aufmachen sollte. Zweimal stieß ich seine Hand zurück, als er sie mir hinhielt. Dann erst merkte ich, dass er mir die Haarnadeln wiedergeben wollte. Da war ich ihm gut. Aber Bine ließ nicht nach, bis Lotte und ich schließlich nach oben in ihr Schlafzimmer flüchteten.
Da stehen wir in weißen Frisierjacken, lachend, und kämmen unsere Haare. Mit einem Mal geht die Tür auf, und Bine stürzt herein mit dem Ruf: „Nun kann er doch endlich mal gucken. Hier sind sie ja!“
Er wagte es erst nicht, steckte nur den Kopf durch die Tür, aber das Kind ließ nicht nach, bis er drinnen war. Alles ein Lachen.
„Wie Engel seht ihr aus!“ Es war kein Spott in seiner Stimme. Warum ging er nicht?
Oh, wie mir das Herz bebte. Und ich weiß: ein Blick mit bittenden Augen hätte ihn gehen lassen. Aber Bine riss an meinem Haar, und als sie uns alle Haarnadeln abgezogen hatten, zogen sie weg. Er hatte mir zugeflüstert, er lege sie nebenan aufs Bett.
Wir frisierten uns also zum zweiten Mal und schlossen die Tür ab. Da stehen sie plötzlich in der anderen Tür und bleiben nun und weiden sich an uns. Aber endlich waren wir doch allein und verriegelten beide Türen.
„Ergebt euch!“
„Nein!“
„Nie!“
Mit Wasser bespritzt durch die Türritzen. Ganz leise, auf Zehenspitzen, entfernten wir uns, die Treppen hinunter ins Esszimmer. Alle Türen waren zu, nur die vom Billardzimmer ging nicht und da wurde die arme Lotte gefasst. Ich rettete mich und ergab mich erst später. Wir mussten nach Hause, also musste ich durch. Da bekam ich noch eine Spritze von ihm, so dass mein linker Ärmel durchnässt war. Er half mir in den Mantel.
Da sagte ich es ihm: „Das habe ich nicht gewollt.“
Er sagte ernst: „Ich auch nicht.“
Ob er nur verliebt ist, oder ob er mich liebt?
Er bat, ich sollte abends wiederkommen. Ich tat’s. Und wieder ließ er mich an allem teilnehmen, was er getan und erlebt hatte. Diesmal mit unserem teuren Baron. Ob er wirklich umsatteln will und Arzt oder Rechtsanwalt werden sollte?
Unser Gespräch war dann rein literarisch. Edam bat um ein Weihnachtslied. „Süßer die Glocken nie klingen“ ich hatte sie im Baume. Alle erzählten von Weihnachten.
„Ich würde vor Sehnsucht sterben, wenn ich Weihnachten nicht zu Hause feiern könnte“, sagte er. Und dann musste ich erzählen, wo ich Weihnachten verleben wollte, von Vater und Mutter und ob ich meine Laute mitnehmen wolle. „Ja, sonst ist es zu tragisch.“
Dann saß er neben mir im Sessel. Und wir sehen uns doch in Hannover, wenn sie von seinen kommen. Warum freute ich mich so? Ich weiß: Ich werde immer nur daran denken, dass sie kommen, und deshalb werde ich Weihnachten froh sein können.


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