
Mittwoch, den 20. Januar 1926
Gestern Abend war Lotte bei mir. Bis spät in die Nacht hinein haben wir erzählt, dicht nebeneinander auf dem Sofa. Sie hielt meine Hand in ihren guten, großen Händen und streichelte sie immerzu. Sie hat so viel Mütterliches, echt Frauliches. Und doch sind wir oft wie nur Mädchen sein können: Cognacbohnen im Mund, drücken sie gegen die Backen und lachen furchtbar.
Dann gehört sie mir so ganz, besonders wenn sie mir von ihrem Kurt erzählt. Sie ist noch so ganz anders als alle meine anderen Freundinnen. So, wie ich mir immer eine Schwester gewünscht habe. Und wenn sie bei mir gewesen ist, dann ist alle Not und Unruhe und aller wilder Schmerz wie weggescheucht oder zur Ruhe gekommen.
Und ich denke: Lass sie nur nach Göttingen fahren in den „Freischütz“, mögen sie Tante Wulze und das ganze Pensionat treffen, mag man neue hübsche Mädchen finden und außer Frl. Stolze zu Sonntag nach vier noch andere einladen, damit Bruder Kurt seinen Willen hat und zufrieden ist. Mag man das alles tun: Lotte ist doch meine Freundin.
Dann bin ich so herrlich müde und höre schon halb wie im Traum noch einmal das Tischgespräch von Mittag. Zeschau: „Wie sieht denn der H. Sch. aus?“ – „Baron.“ – „Groß, blond, blaue Augen, hohe Stiefel und kurzer Pelz, ja, etwas größer als Frl. O.“ Alle Augen sehen mich an. Lachend wiederhole ich: „Etwas.“ Bine: „Noch mal so groß ist er als Wichtel.“ Und ich weiß doch vom Tanzen her, dass er nicht zu groß ist – er wirkt nur so.
Morgen. Eisblumen am Fenster.
Anziehen, ein Blick hinunter aufs Gut. Heute fahren sie ins Theater, und ich bin allein. Allein? Da hinten sind ja die weißen Berge. Ich wohne in einem weißen Bergschloss, und meine Augen zeigen mir den Weg, den mein Liebster kam – wenn er kommt. Und wenn mich nun niemand erlöst?
Dann kann ich auf dem hohen Schloss nicht länger weilen, dann weiß ich, dass ich hier unten keine Heimat finde. Aber dass doch Einer da ist, der stärker ist als alle und der mich nie verlassen wird. Der nimmt mich bei den Händen und wandert mit mir bis ans Ende der Welt, und dann brauche ich gar keine Angst zu haben, und zu weinen brauche ich auch nicht mehr. Und das Schönste ist, dass ich ihm alles, alles sagen kann, und dass er es versteht und sicher nicht über mich lacht. Dann bin ich nie allein.
Mehr und mehr denke ich, dass ich Unrecht tue, wenn ich noch immer traurig bin. Sollte ich mich nicht freuen, dass die Menschen mich gern haben, dass die Tiere an mir hängen, dass die Vögel an mein Fenster kommen und das Futter holen, das ich ihnen hinausstreue? Freuen sollte ich mich, dass ich einen Beruf und Arbeit habe, und freuen soll ich mich, dass auf diesen Winter ein Frühling folgen muss, ein Frühling und ein Sommer – und wenn der nur halb so schön ist wie der letzte, dann soll ich froh sein.
Mädi ist mit Lotte Schneeschuh gelaufen, und vielleicht wollen sie einen Kursus mitmachen.


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