Das Lachen bleibt

3–4 Minuten

Sonntag, den 24. Januar 1926

Ja, das heitere Leben! Geistiges, pulsierendes, jauchzendes, freudiges Leben! Solch ein Sonntag!

Morgens: Freigeist. Schularbeiten in Theorie und Praxis. Gelesen, bis mir der Kopf rauchte. Bine war immer unten, da hatte ich Muße. Bei Tisch fragt mich die Baronin, ob ich hinunterginge.

„Ja, nach dem Kaffee.“

Also nun war es entschieden.

Hinauf, umgezogen. Man wartete auf mich, ich fühlte es. Weißer Rock, gelbe Bluse. Ich wollte schön sein und mich freuen. Bine stand die ganze Zeit bei mir, besah mich, alles. Die Baronin hatte gesagt, ich könne so lange wegbleiben, wie ich wollte. Hurra!

Hinunter. Auf der Treppe der alte Schmidt: „Endlich kommen Sie! Man hat schon gescholten, dass Sie sich gar nicht mehr sehen lassen. Rechts im Zimmer sind alle.“

Ich hinein. Lotte findet meinen Mantel schön. Drinnen wurde Karten gespielt, ziemliche Stille. Die Freundin: dunkel, groß, schlank, mit Kneifer, still und gut.

Ich sitze neben Frau Schmidt auf dem kleinen Sofa, erzähle von Bines Streichen, fühle seinen Blick, meine Wangen röten sich.

„Schlohweiß“, sagt Edam, und alle freuen sich über mein Kleid. Dann dauert es nicht lange, und alles ist Lachen und Jugend und Fröhlichkeit: getanzt, gealbert, Schmeicheleien. Blicke hüllen mich ein, machen mich froh, nehmen allen Schmerz weg. Ich habe mein Lachen wieder, das er, wie er sagt, an mir so liebt. Stolz, und „noch manches andere“, fügt er hinzu.

„Edam, spielen Sie doch einen Tanz!“

„Ja, ja, das ist das Richtige!“

Und wieder kann er es nicht lassen: „Sehen Sie sie nicht an, wie das Leben selbst, wie der Frühling?“

Ich solle doch bald wieder einmal eine Freundin einladen, aber nicht Hilde, sondern eine andere.

„Was sagen Sie dazu?“ fragt seine Mutter.

„Nimmersatt!“

Die kleine Frau bleibt keine Antwort schuldig.

Dann tanzen wir. Weil ich sonst nicht kann, will er auf kein Wort mehr reden. Viel öfter tanzt er mit Fräulein Stolz als mit mir. Warum? Edam war wild verliebt. Wenn er sich so über mich beugte, hatte ich Angst – in der nächsten Sekunde drückte er mir einen auf. Deshalb war ich nicht 24 Jahre alt geworden ohne Kuss. Er war verliebt, „mit dem Herzen“, wie er sagte; früher habe er nur mit den Augen geliebt. Er fasste dauernd nach meinen Handgelenken, und wenn er tanzte, wollte er nicht mehr aufhören. Und wie der gute Kurt uns beobachtete!

Immer hieß es „Wichtel“. Wichtel musste zum brennenden Weihnachtslied singen: „Süßer die Glocken nie klingen“, während er am Klavier saß und mich begleitete. Schön war alles. Nur Lotte fühlte ihren Kurt. Als sie hinausging, Kuchen holen, ging ich mit und redete so lange, bis sie wieder fröhlich war.

Zum Abendbrot wollte er gut für mich sorgen, aber seine Mutter tat es auch. „Fräulein Wichtel, noch eine Käseschnitte.“

Gesprächsthema bei Tisch: das Ausbrüten von einem. Ich hatte wenig Achtung dafür.

„Sie taugen doch nicht zur Landesfrau, heiraten Sie lieber einen Oberlehrer“, sagt mein rechter Nachbar.

„Das habe ich auch schon gedacht!“

Aber dabei konnte ich ihn nicht ansehen.

Drüben wieder Tanzen, Lachen, Edams Verliebtheit. Alles so beschrieben kann ich gar nicht – jedenfalls fühlte ich nirgends so wie dort, was es heißt: leben.

„Seit einem halben Jahr denken wir nun darüber nach, ob wir uns lieben oder hassen.“

Das wissen wir wirklich schon längst, du Dummer!

Edams Zustand erinnerte mich fast an das Kostümfest. Lotte und Liese saßen am Tisch und sahen zu. Um 12 ging es heim. Edam hakte sich fest unter, zog mich noch einmal ins Musikzimmer. Er fand mich hinreißend im Mantel. Da tippte der Chef ihm zum Abschied bedeutungsvoll auf die Brust, und wir zogen hinaus in den Mondenschein.

Als ich ihn wegen Lottes Blumen um Rat fragte, wollte er durchaus nicht, dass ich mit dem Chef per Auto die Sache erledigte. Lachen musste ich beim Abschied: Da wollte er mich beim Händedruck zu sich ziehen, aber er kennt mich schlecht!

Als ich zum Tor kam, war es verschlossen. Ich rief meinen treuen Freund Edam, doch der war schon den Berg hinuntergeflogen. So musste ich allein den Umweg machen, aber das Lachen saß mir immer noch in der Kehle.

KI generiert

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar