

Sonntag, den 31. Januar 1926
War das wieder ein Sonnentag. Morgens habe ich Briefe geschrieben. Die anderen sind alle zur Kirche gegangen.
Nach Tisch gehe ich nach oben, sehe aus dem Fenster: Lottes rotes Kleid, der weiße Schal darüber.
„Huhu!“
„Kannst doch mit? Wir fahren um 2 in den Wald.“
Dann kamen Kurt und Herr Edam. Ein Winken, ein Grüßen.
Hat die Sonne je so hell geschienen? Aber wenn ich mitwollte, musste ich erst ins Herrenzimmer, Bine Bescheid sagen und da waren alle. Alle. Sie würden mich ansehen, meine roten Backen, meine strahlenden Augen sehen. Was tun?
Ich überwand mich und lief hinunter. Die Baronin sah mich an.
„Bine, komm mal“, sagte ich.
Da hörte ich drinnen ein Gemurmel, und die Baronin sagte: „Wahrscheinlich!“
Lass sie reden. Und obwohl Bine und ich zur Mami hinunterliefen, durfte sie doch nicht mit und weinte nun, dass es mir weh tat.
„Natürlich fährt Fräulein Schmidt mit, die soll doch nicht ihretwegen im Hause bleiben!“
Ich ging hinunter. Flur! Da sitzt er vor mir, die neue Haustochter. Als ich mit Lotte nach oben gehen will, um andere Schuhe anzuziehen, kommt gerade Kurt herein und fasst mit festem Druck meine Hand, ohne ein Wort zu sagen. Dann gingen wir nach oben.
Lotte zieht Strümpfe an, da kommt die Mutter mit hohen Stiefeln, fertig. Dann Kurt mit dem Fuchs. Wir Mädchen im Schlitten, gezogen von zwei Ackerpferden. Hei, jagten die vor uns her!
Und war die Welt wunderschön! Nun ging’s in den Wald, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Den Berg hinab, in die feine Gatterung. Wir hatten die anderen bald wieder.
Dann hieß es aussteigen. Edam kam zu uns, und nun ging die Albernheit los. Der Chef führte den Fuchs und ging allein voran.
„Wie kommst du denn nun zu mir?“
„Ich!“, und setzte mich zu ihm, Lotte und Fräulein Sauermann gegenüber.
Edam hatte auf meinem Schoß.
„Wichtel!“ hauchte er und barg sein Gesicht zu mir. Selten haben wir so gelacht!
Aber das Schönste war doch, dass ich so dicht neben ihm saß. Wenn ich mein Gesicht zur Seite drehte, sah ich ihn so nahe, so nahe. Wie der Wagen schaukelte!
„Edam, den Fuchs am Kopf fassen!“
Steile Wege.
„Wichtel, dein Leben in meiner Hand“, schrieb Edam, als er die Zügel vorn ergriff.
Ich hörte sein tiefes, klingendes Lachen neben mir.
Ja, das war Leben! So hatte ich es mir seit ich denken kann gewünscht, so, nicht anders.
War nicht der Wald unser Wald, stiegen nicht die Berge so steil an, um uns zu freuen?
„Im Sommer müssen Sie mit hierher kommen auf Anstand“, sagt er.
„Ja, gern!“
„Ist es nicht entzückend hier?“
Dann musste er zu dem Förster und Edam fuhr mit uns drei Schönen voran! Was für ein Lachen und Singen! Ich musste ihn unterhalten, Lotte hat sich halb totgelacht.
Edam und ich wollten ein Bauern-Singspiel aufführen. Ich bete so recht von Herzen diese schöne Fahrt an, ich hätte alle Welt umarmen können.
Die Wagen hielten auf dem Hofe. Ich stieg aus, da stand er vor mir, und wir gingen ins Haus. Scheinbar hatte er Angst, dass ich gleich weggehen würde. Aber ich zog mich doch erst oben um.
Unten, Mantel an. Statt Kaffee zu trinken kam er wieder und wartete, bis ich mich verabschiedete.
Bine war bei ihrer Mami. Also ging ich zu Fräulein Sprenger. Ach, wie anders war’s da. Stille, man hatte mich schon lange erwartet.
Fräulein Stricke und ich im Sofa. Ich finde sie hübsch, Fräulein Sprenger meint, sie sei aber kein Männergeschmack.
Und weshalb ich auf unserer Fahrt so viel Glück verdient habe. Oh Gott, ich bin doch nicht besser als diese. Und wieder das Flehen: „Schenke mir sein Herz!“
Um halb sieben ging ich heim, über den Stieg. Ein Blick nach ihrem Hause unten und mein Herz jubelte: „Ich komme.“
Bei Tisch Gespräch: die Wagenfahrt. Dann zog ich mich um, Bine zur Nacht geküsst, Mantel an. Den Berg hinunter. An den Steinstufen musste ich erst einmal anhalten, man durfte doch nichts merken.
Das Haus war zu, der alte Schmidt half mir. Als ich über die Schwelle ging und alle sah, hätte ich mich totfreuen können. Zwischen ihm und seiner Mutter war ein Sessel frei.
So glücklich war ich.
Pokern! Er gewann dauernd. Ich hatte schlechte Karten, selbst wenn Fr. Sch. mir noch welche zusteckte. Er hielt sein vieles Geld in den Händen.
„Wichtel, wollen wir beide gemeinsame Kasse machen?“
Es war so selbstverständlich, dass wir zusammenspielten, ich fühlte, wir gehörten zusammen.
„Ihr beiden mogelt da immer!“ sagt Lotte. Wir müssen uns doch helfen, denke ich.
Dann wird von Tam Mütze erzählt. Er hat da Besuch gemacht, weil er am 16. zu einem Fest eingeladen ist. Tante Wulze soll ihm mal eine Passende aussuchen.
Früher hätte mir das wehgetan, jetzt gar nicht mehr. Ich stimme ihm lachend bei.
„Ein Mädel müsste Stolz haben“, soll er gesagt haben.
„Deshalb haben Sie auch wohl keinen gekriegt.“
Und Margas Verlobter sähe direkt verheiratet aus: „Das kommt, wenn man treu wird“, sagt er.
Darauf hatte ich wirklich nur einen verachtenden Blick, unter dem er sich totlachend duckt.
Was ich denn eigentlich wollte, ob ich als Pädagogin geliebt werden wollte. Alles lachte.
Edam und ich tanzen. Er dreht sich nicht nach uns um. Dann tanzt er mit Lotte, nicht mit mir, und zum Schluss balgen sie sich auf der Chaiselongue. Ich soll’s nachmachen. Danke.
Alles schweigt. Eine schmeichelnde Musik. Ich fühle, dass er mich von der Seite ansieht, und ich sehe eine ganze sonnige Frühlingswelt vor mir erstehen.
„Wo sind denn nur deine Augen?“ sagt Lotte.
„Ich weiß selbst nicht.“
Warum sieht er mich nur immer an?
„Was ist denn dies?“ frage ich gerade in seine Augen hinein.
„Tango Melanga.“
Ich weiß, er denkt, ich bin ein Rätsel.
Thema Mädi: Wenn er ganz reich wäre, würde er sie nicht heiraten, der Ruf des Vaters sei zu schlecht. Er glaubt auch nicht, dass sie sich noch verheiratet.
Lotte soll ihm ein Glas Wasser holen. Da fragt er mich, ob ich nun wirklich nach Hannover führe. Er müsse nämlich auch noch einmal hin. Nun wollten wir beide zusammen fahren, ins Theater oder tanzen.
Wie bin ich glücklich.
Edam holt meine Leute, ich singe. Kurt singt mit, meine Bänder gleiten durch seine Hand.
„Wie kann man so etwas schreiben“, meint er, und während ich spiele, liegt seine Hand oben auf meiner Laute. Wieder will er mich als „raffiniertes Weib“ erkennen.
„Guten Abend, gute Nacht“ muss ich ihm singen.
„Das Lieben bringt groß Freud“, aber das kann ich nicht begleiten.
Dann wünscht er mir wieder eine recht gute Nacht, küsst sein Schwesterlein, das er so geärgert hatte, und sagt in der Tür: „Ich bin gar nicht grässlich, Wichtel, das scheint nur so.“
Lotte gibt mir zwei Nelken mit. Eine rosa für Bine und eine rote für mich, weil ich die so liebe.
Edam hakt mich unter. Dann sagt er hastig, er wolle mir einmal sein kleines Tagebuch geben, da ständen Gedichte drin, die er besonders hübsch finde, ob ich das mal lesen wolle. Bilder wolle er auch noch hinunterlegen.
Ich fürchtete, er liebt mich. Warum ist das nicht der andere?
Hoffentlich fahren wir nach Hannover.


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