
Donnerstag, den 4. Februar 1926
Beerdigung. Glockenläuten. Schwarze Menschen, den Kirchhof hinan. Vorn der Sarg, dahinter die Familie. Direkt vor mir er mit seinen beiden Schwestern, Edam neben mir, dann all die anderen fremden Männer.
Auf dem langen Weg durch den Flecken sah ich niemanden, nichts. Ich dachte nur an den Sarg, wie er im Zimmer gestanden hatte, alle darum herum. Und daran, wie ich an Vaters Beerdigung denken musste. Da kamen mir die Tränen. Ich konnte nichts ändern, und wenn er mich zehnmal ansah. Ich konnte nichts ändern.
Hoch oben auf dem Kirchhof, beim Grab. Ich stand bei all den Männern, ihnen gegenüber.
„Mit der Mutter verliert ein Kind sein Bestes, dann ist es verlassen und heimatlos.“
Ich hörte den Wind in den Bäumen rauschen, mein Blick ging zu den fernen Bergen, weiter und weiter. Auf dem Friedhof in der Heide sah ich ein Muttergrab und ein Vatergrab. Ich wusste, dass ich heimatlos war.
Und ich hätte es hinausrufen mögen in die weite, einsame Welt: „Mutter, Mutter!“
Mein Herz weinte, leise liefen mir die Tränen über die Backen.
Langsam gingen alle fort. Ich ließ sie gehen. Am liebsten wäre ich allein auf dem Berg geblieben und hätte mich ausgeweint, weil ich so einsam war.
Vorn ging Lotte mit ihrer Schwester – das tat mir nicht so weh, Lotte war ja so traurig.
Dann kam er zu mir und blieb bei mir, Edam auf der anderen Seite. So ernst und gut.
Wir gingen durch die Allee. Am Fußweg wollte ich mich verabschieden, doch er bat mich so sehr, noch mitzukommen. Lotte hakte mich ein. Ich gehörte zu ihnen.
Er half mir aus dem Mantel, dann wurde Kaffee getrunken; essen konnte ich nichts.
Die Baronin erzählte aus Berlin, lebhafter, als ich gedacht hatte.
Dann gingen die Herren ins Nebenzimmer, geschäftlich etwas zu besprechen.
Kurt kam und sagte: „Wichtelchen, Herbert möchte Sie mal sprechen.“
Als ich ihm folgte, rief er hinterher: „Aber nicht wegholen lassen!“
Telefon. Zum Abendessen käme ich selbstverständlich?
Lotte und ich waren still, die Baronin erzählte von Berlin, von ihren Jungen und den Festen. Kurt konnte wieder lachen und fröhlich sein. Die Schwermut hält bei ihm nicht lange an.
Die Baronin konnte meinen schweren Namen nicht behalten, da sagte Kurt einfach: „Sag nur Wichtel, das passt besser und ist leichter!“
„Wir sagen auch schon alle Wichtel!“, meinte die Mutter.
Ich sollte erklären, woher der Name komme.
„Ja, Fräulein Hedwig zu sagen, traue ich mich auch nicht, deshalb sag ich Wichtel.“
Ein Blick meiner Augen ließ ihn schallend auflachen.
Dieses Lachen liebe ich so an ihm. Wie ein Lausbub, der etwas ausgefressen hat.
Um sechs ging ich hinauf. Frau Schmidt dankte mir wieder vielmals, ich sollte zum Abendbrot bleiben, aber das ging ja nicht. Lotte sagte, ich solle morgen kommen.


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