Angst vor Liebe

3–4 Minuten

Sonntag, den 7. Februar 1926

Scharfer Ostwind, als ich zur Bahn ging. Göttingen: Studenten mit bunten Mützen sammelten an den Straßenecken Spenden. Ich habe Siga nach dem Stadtpark gefragt: er schielte mich lachend mit seinen Augen an.  

Viele Menschen, man spürte den Geist der Universitätsstadt. Neben mir ein Student mit blauer Mütze, der mich nur anzusehen wagte, aber ich hatte keine Lust.

Pastete bei Kran und Kranz. Hilde Ballerstedt ist krank. Ich fuhr zurück zur Bahn und nach Hause.

Bines stürmische Begrüßung. Ich saß vor dem Spiegel, da kam sie mit ihrer Eau-de-Cologne-Spritze. Direkt ins Auge, dass ich hätte aufschreien mögen. Nun musste ich zu Hause bleiben.

Beim Abendbrot: der Stittm. Zeschau (??). Ein feiner, famoser Mensch, mit dem würde ich schon fertig werden. Ganz anders als die Baronin.

Nach Tisch sah ich zu, wie Bine sich auszog, da klopfte es: Herbert brachte mir einen Brief: „Den hat Herr Edam abgegeben.“

Meine Lotte schreibt mir rührend, warum ich gestern nicht gekommen sei: „Allen ist schon richtig lang nach dir.“

Allen? Mein Herz jubelte. Dann nach Edams Diktat: „Wichtel, scher dich runter!“

Wie habe ich mich gefreut. Ich strahlte noch, als die Baronin kam, die schon wieder von allem wusste.

Und dann ging ich hinunter.

Lotte: „Und du wärst nicht gekommen?“
„Nein, bestimmt nicht!“

Drinnen alle! Lene, Fräulein Stolz, Frau Schmidt im Schaukelstuhl. Ich setzte mich zu Frl. Sauermann auf die Chaiselongue und musste erzählen. Und tat es gern. Ich sollte mich zwischen Herr Edam und H. Schmidt setzen, aber ich tat es nicht. Lene ist mir längst nicht so sympathisch wie Lotte, das zart Frauliche fehlt ihr.

Lotte ging hinaus, um den Mokka zu machen. Als sie an meinem Sessel vorbeikam, beugte sie sich ganz zu mir nieder zu meinem Kopf, in ihrem schwarzen Kleid, sah mir in die Augen. Ich flüsterte: „Hast du einen Brief von ihm?“

„Ja, gestern.“

Edam und ich werden dauernd aufgezogen. Herr Schmidt fragt mich genau, was ich in Göttingen gemacht hätte. Warum ich Freitag und gestern nicht gekommen sei. Dann sprachen sie über Kleider, Tanzen, Feste. Dass Lene fast der Großmutter um ihren Tod zürnte, jetzt, wo sie nach so vielen Festen hätte mitmachen können. Das tat mir weh. Frau Schmidt fühlte wohl das Unzarte darin und sagte halb zu mir gewendet: „Nun, das könne sie doch immer noch!“

„Das finde ich auch!“

Frau Schmidt ging nach oben. Der Stuhl war frei, dann kam Kurt und fing wieder von der Heide an. Warum nur immer? Er wiederholte nur immer, er könne sich die gar nicht so schön vorstellen, aber wenn ein Löns das sehe, müsse es doch wahr sein.

„Fahr doch mal hin!“ sagte Lene. Er ging nicht darauf ein, sah mich nur an, und ich dachte: Was willst du denn nun eigentlich?

„Was ist denn nun so schön daran, Wichtel?“
„Die Farben?“
„So, ja. und so gewiss, wie ich hier sitze, in die Heide fahren wir mit dem Auto, und wenn der Alte zehnmal schimpft.“

Dann sprach er vom Pensionat Wulze. Zum Schluss zog er noch sein Liedermäppchen hervor.

„Wann fahren Sie denn nun nach Hannover?“ fragte er.
„Das ist noch nicht raus.“

Edam brachte mich heim.
Oh. Wieder fürchte ich, er liebt mich. Warum nur diese Qual?

„Dann müssen wir wohl Ernst machen.“
„Bloß nicht!“ lachte ich.

Und dann sein Gedichtbuch! Ich sollte nicht zu hart über ihn urteilen. Es war stockdunkel. Ich gab ihm meine Lampe mit.

Aber lieben kann ich ihn nicht. Oh, ich kann ihn nicht! Oh Gott, nur dass nicht …

Und mir fällt der Vers ein, den ich als Kind gelesen habe:
Sie haben mich gequält, geärgert und blass,
die einen mit ihrer Beule, die anderen mit ihrem Hass.

KI generiert

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