Steinerne Ruhe

4–6 Minuten

Freitag, den 12. Februar 1926

Der Kaffeetisch ist festlich gedeckt. Lotte kommt! Bine strahlt. Bei Tisch Gespräch: Familie Pinghut empfängt Besuch.

Nach der Schule liefen Bine und ich hinunter. Herr Freudental sprang mit seinem Auto beinahe auf uns zu. Entschuldigte sich dann vielmals und fragte mich an der Tür, ob Herr Schmidt wohl zu Hause sei. „Ich denke doch.“

Das Mädchen rief Lotte, während wir ins Herrenzimmer gingen. Ich stehe schon bei dem einen Sessel, sehe noch nach der Flurtür, da fühle ich, dass jemand da sein muss, drehe mich um und sehe ihn. Vollkommen beherrscht. Ich reiche ihm die Hand, die er so lange hält, dass ich mich schon wieder umwende. Ich gehe Lotte und Bine entgegen. „Kurt, Herr Freudental ist da.“

Die Herren unterhalten sich über Damenmode, neue Modefarben etc.: „Ich habe schon die Grenzen festgesetzt, wie lang meine Freundin Röcke tragen muss: Entweder sie ist angezogen oder sie ist es nicht. Dieses Halbe mag ich nicht.“

Warum müsste er ihr wohl mal etwas schenken? „Wichtel, was mache ich da?“

Da müsse Idel sich anständig zeigen! Bine drängt, wir empfehlen uns.

Gestern Abend war Fräulein Sprenger da. Lotte vorgestern.

„Dass du mir nicht so wirst wie sie“, sagt Lotte zu mir, „das darfst du nicht. Dann geht unsere Freundschaft auseinander.“

Ich glaube kaum, dass ich mich einem Menschen je so nahe gefühlt habe.

Die unglückliche Lisa Stolz liebt dann Kurt. Sie will mit beiden Händen ihr Glück greifen. Lotte sagt: „Das gibt bestimmt ein Unglück. Sie passt gar nicht zu meinem Bruder, und der liebt sie auch nicht. Was soll ich nur tun?“

Und dann hätte sie einen ganz falschen Weg eingeschlagen: Alles, was Kurt sagte, habe sie auch so gefunden. Das langweile ja die Männer. Sie wäre auch viel zu schade für ihren Bruder, der brauche eine Frau wie Marga.

Und ich wunderte mich über meine steinerne Ruhe. Ich konnte darüber mitreden, als ginge es mich gar nichts an. Lotte darf gar nichts ahnen. Das ist mein Trost. Denn sie sagte: „Wenn du dich in meinen Bruder verliebtest. Aber du bist ja nicht in ihn verliebt.“

Und Edam! Ich habe ihr alles von ihm erzählt. Sie meinte sogar, wir passten ganz gut zusammen. Ein Kuss wäre wirklich keine Sünde. Ich käme dadurch eine ganze Ecke weiter!

Dann machte sie eine merkwürdige Bemerkung: Mein Geburtstag wäre noch so weit hin. Sie möchte mir so gern mal wieder etwas schenken, ich sollte doch…
Ich sagte: „Nun hast du mich neugierig gemacht. Jetzt musst du auch weiterreden.“

Da sagte sie: „So etwas war nicht Edam, sondern noch einen Schritt weiter darüber hinaus.“

Ich möchte wissen, was sie gemeint hat.

Bis nach Dinner klönten wir, Hand in Hand. Sie wollte, ihr Kurt wäre hier, der sollte mir mal die Leviten lesen, dem würden meine blanken Augen gefallen: „Wenn du dich doch mal in meinen Bruder verlieben könntest!“

Das klang mir noch in meinen Träumen nach.

Heute Nacht träumte mir, Idel hätte gesagt, ich solle doch nur Edam und nicht Kurt heiraten. Der stelle sich ja zu dumm an.

Ob ich nun heute Abend auch noch hingehe? Ich weiß es nicht!

Möppi hat uns Zigaretten und außerdem Mokkabohnen für unseren Besuch spendiert.
Ich mag nicht daran denken, wenn ich hier einmal weg soll. Ich fürchte, mein Herz bleibt hier.

Aber ich weiß felsenfest: Mir hilft einer, der mir immer geholfen hat. Die Welt ist ja so weit und so schön. Ich bin ja noch jung, kann singen, jubeln, wandern!

Abends

Ich gehe nicht mehr hinunter. Alle Lust ist weg, alte Freude ist tot. Was fange ich nur an? Warum? Woher?

Lotte erzählte, Herr Edam habe gestern viel mit der Pfarrerstochter getanzt. Ihr Bruder habe gesagt, aus mir werde er nicht klug, er verstehe mich nicht und gebe es jetzt auf.

Und das ist das Furchtbare: Warum versteht er mich denn nicht? Oh, ich kann ihm doch nicht sagen: „Ich liebe dich doch!“

Was fange ich nur an? Lotte hat gesagt: „Ich verstehe Hedy. Herr Edam scheint sie doch auch zu verstehen!“
Nur er nicht! Wie kann man so toteinsam sein!

Das Kind wenigstens, das versteht mich und liebt mich. Und Lotte!

Morgen. Ich fahre wohl nicht mit nach Göttingen. Warum soll ich meinen Papierkram dahin bringen, wer weiß, wo ich 1932 bin.

Und wenn er mich so beichten Herzens aufgibt, dann hat er mich eben doch nicht wahrhaft geliebt. Alles ist nur Schein gewesen, nur ein Traum.

Sonntag will ich Edam das Heft zurückgeben. Dann will ich mal sehen, ob der mich wenigstens liebt. Ist es denn wirklich so, dass mein Verstand mein Gefühl beherrscht? Bete ich nicht aus dem Herzen heraus?

Oh, wäre ein Mensch hier, dem ich alles sagen, bei dem ich mich ausweinen könnte!
Meine Glieder sind mir so schwer, und mein Herz ist zum Tode betrübt.

Ich mag nicht zu Bett gehen, weil ich weiß, dass ich doch nicht einschlafen kann. Dann grüble ich nur immer.
Mein wahres Gesicht zeige ich ja doch nicht, aber das darf ich doch nicht. Ich verschlucke zu viel. Ja, aber das kann ich doch nicht sagen. Warum merkt er das denn nicht?

Ich will jetzt so tief an ihn denken, er darf mich nicht vergessen. Wir dürfen so nicht auseinandergehen, das darf nicht sein. So rein wir allein sind, will ich ihm mein Herz zeigen. Sonst muss ich mir später dauernd Vorwürfe machen.

KI generiert

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