Kurt und Edam

3–4 Minuten

Montag, den 15. Februar 1926

Eine wunderbare Ruhe und Freude ist in mir. Freude, dass gestern ein so schöner Sonntag war. Und dass er am Sonnabend oder Freitag mit mir nach Hannover fährt.
Lottes Bild steht neben mir. Gestern schenkte sie es mir. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll.

Mit Bine gab es wieder den üblichen Tanz: Sie wollte mit, durfte nicht, weinte, hielt mich fest, half mir beim Anziehen, musste mich zehnmal küssen, weil sie mich im losen Haar so süß fand. Endlich konnte ich gehen. Ich winkte mit dem weißen Taschentuch nach oben, bis das Haus mich deckte.

Lotte empfängt mich: „Kommst du schon, Hedy?“

Alle waren da, nur er fehlte. Aber er muss ja kommen, beruhigte ich mich, und erzählte allen von Bine. Lotte wollte mir oben etwas zeigen und nahm mich mit. Sie legt immer den Arm um mich, und ich fühle mich so herrlich geborgen bei ihr.

Edam ist in merkwürdig tragischer Stimmung. Er erzählte von der Pfarrerstochter, dass sie gut tanzen könne, aber ich fühle: All das befriedigt ihn nicht mehr. Doch ich kann ihm nicht helfen.

Das Licht brennt schon. Lotte hat die Karten geholt. Ich hypnotisiere Lotte, wobei wir uns erst einmal ordentlich ausmachen müssen, dann Edam und ich. Er drückt meine kleinen Patsche fest und sieht mich an, aber er zieht falsch.

Da höre ich Schritte auf dem Flur. Lotte sitzt auf der Lehne meines Sessels, hält mich umschlungen und sagt: „Das ist Kurt.“

Da steht er. Ich muss zu ihm aufsehen. Er hält sekundenlang wortlos meine Hand. Das ist mir unheimlich. Ich sage: „Guten Abend.“

Dann unterhält er sich mit seinem Vater.

Ich streichle Jockel, der mir auf dem Schoß liegt, und denke: Also gibt er es auf?

Edam will mich hypnotisieren, aber es geht nicht, weil ich über Jockel lachen muss. Ich lege die Karten weg. Da sieht der Chef mich, nimmt die Karten, setzt sich zu Edam auf die Lehne, nimmt stumm meine Hand, fasst das Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Ich muss ihn ansehen. Sein toternstes Gesicht, das mir Willen, bedingungslose Männerwelt ausdrückt, bezwingt mich. Ich ziehe die eigene Karte.

„Fahren Sie denn nun nach Hannover, Wichtelchen?“

Er säße lieber schon Freitag, aber er kann auch Sonnabend. Dann fahren wir zusammen um halb zwölf mit dem Auto bis Göttingen.

„Eigentlich brauchen wir die Cousine doch gar nicht, Wichtelchen.“

Bei Tisch sitze ich ihm gegenüber. Er fängt wieder an: „Soll Tantchen denn nun kommen?“

Ich sehe in seine Augen hinein: „Das müssen Sie doch wissen.“

„Nein, Sie sollen es sagen, ich möchte Ihnen doch gern einmal einen Wunsch erfüllen.“

Aber ich konnte das nicht vor allen sagen.

Edam ist den ganzen Abend still.

Kartenspiel. Kurt hat die Kasse. Ich verliere zuerst, dann das große Los. Wie er sich mit mir freut, seine Augen strahlen. Edam hatte ich Äpfel angeboten, er dankte, dann Kurt: Er sucht den schönsten, dicken Apfel, legt ihn mir hin und sagt: „Der ist so groß. Wollen wir uns den teilen, Wichtelchen? Jeder die Hälfte.“

Dabei sieht er mich so an, dass ich zustimmen muss.

„Wo ist denn der Apfel, den wir uns teilen wollten, Wichtel?“

Lotte gibt ihn mir. Ich teile ihn hinter dem Rücken und lasse ihn wählen: rechts oder links.

„Rechts.“

Natürlich erwischt er wieder das größere Stück. Alle lachen.

Edam verliert. Der Bankier gewinnt und verteilt nun Karten nach Wohlwollen. Seiner Mutter und Lotte gibt er Karten zu 0, 30, 11. Mir zu 0, 10, 11. Mein Herz jubelte, aber ich konnte ihn nicht ansehen.

An diesem Abend habe ich nun wirklich mein wahres Gesicht gezeigt. Ob er mich nun kennt? Seine Augen leuchteten, als ich ihm „Gute Nacht“ sagte.

Edam ging mit mir. Lotte und Kurt standen in der Tür und sahen uns nach. Mit Edam sprach ich über seine Gedichte, er erzählte mir von Hamburg. Ich gab ihm seine Hefte zurück. Er sagte, ich solle bald wiederkommen.

Bine wachte. Das Kind hat wieder den schönsten Schnupfen. Ich konnte lange nicht einschlafen. Ich dachte immer nur: Er liebt mich doch!

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