Ich bin nun mal so

6–8 Minuten

Mittwoch, den 17. Februar 1926

Vormittags

In kriegerischer Stimmung bin ich von gestern her. Die da unten quälen mich noch tot! Was wollen sie denn bloß? Ich habe eine Wut auf Kurt! Ich könnte ihn vermöbeln!

Nachmittags halb sechs lief ich im Kostüm hinunter. Über den Hof gehend, pfeift jemand. Ich winke mit dem Handschuh. Kaum stehe ich im Flur und rede mit Lotte, da kommen auch schon die beiden Herren herein. Üblicher Händedruck. Alle ins Zimmer.

Die Herren arbeiten erst und Lotte und ich klönen. Dann setzt sich Kurt zu uns. Nun geht der Kampf los. Er spielt gern tragisch, liest Lotte aus seinem Brief von der Dortmunder vor, redet über Theater und Feste, die er mit Lotte besuchen will. Kurz: er ist mir unausstehlich.

Thema: Lisa Stolz und ihre Verlobung, Reise nach Amerika etc. Lotte sagt, sie sei schlimm verliebt in Kurt. „Gesund und kräftig“ das war ihr Ausdruck für ihn.
Da habe ich ihn ausgelacht und musste ihm raten, nicht mehr zu fahren, sondern spazieren zu gehen. Lotte solle von jetzt an immer mit. Da sagt Lotte: „Nicht mehr, Hedy. Du kommst auch mit.“

Vorher hatte ich ihm meine Zeiteinteilung gesagt, und er meinte nur: „Die Frau ist ja dauernd in Anspruch genommen.“

Ich zog mich im Flur an. Er ärgerte mich dauernd, bald wäre ich viel dicker als er. Dann meinte er, ich hätte richtig Figur bekommen, das sähe ordentlich aus. Ich holte gerade mit meiner Hand aus, da lief er weg. Dann rief der Schmidt: „Wichtel.“ Ich stellte mich in die Tür, hatte aber vor ihm keine ruhige Minute.

Frau Schmidt wollte wissen, ob wir heute Pfannkuchen gegessen hätten. Sie meinte „Krapfen“, das verstand ich erst nicht. Nun wieder Spott wegen meiner „komischen Ausdrücke“. Allmählich bekam ich Wut.

Lotte fasste mich um und wir gingen. Vor der Haustür pfeift er uns noch hinterher und verschwindet lachend. Leider konnte ich ihn nicht mehr kriegen.

Lotte sagt: „Der Kurt ist heute ganz komisch. Was hat der nur?“

Ich musste ihr versprechen wiederzukommen. Zu Fastnacht und Pfannkuchen.

Nach Tisch brachte die Baronin Bine zu Bett. Ich nahm meine Laute und lief hinunter.

Was wurde das für ein Abend!

Er flammte wieder dauernd auf. Wegen Haar, wegen Streichholz, wegen allem. Edam hatte sich im anderen Zimmer versteckt. Ich suchte und fand ihn.

Später liefen Lotte und ich in den Flecken, um „Pfannkuchen“ zu kaufen. Vergebens.

Dann ging die Sache erst richtig los.

Frau Schmidt ging schlafen. Kurt rief ihr nach: „Träume süß von meiner Zukünftigen!“

„Ich weiß ja gar nicht, wie die aussieht.“

Und sie murmelte noch etwas im Hinausgehen, worauf Kurt sagt: „Was sagst du von Wichtel?“

Aber sie ging schweigend weiter. Mir wurde immer merkwürdiger zumute.

Lotte und Fräulein Sauermann machten Mokka. Nun kriegten sie mich vor.

Vergleich zwischen Lotte und Kurt. Ich behauptete, sie seien grundverschieden: er oberflächlich, nähme das Leben leicht. Lotte tief und schwermütiger.
Das wollte er nicht wahrhaben. Er suche sich nur die sonnigen Seiten heraus.

„Wir beiden sind grundverschieden“, sagte er zu mir.
„Ja, vollkommen“, antwortete ich.

Er meinte, das käme nur daher, dass er die Erfahrung hinter sich habe und ich nicht. Wenn ich erst von meinen Idealen so viel verloren hätte, dann wären wir gleich.

Edam sagte: „Im Wesen wohl verschieden, aber in der Natur passt ihr zusammen. Beide gesund und kräftig.“

Da haben wir wie toll gelacht. Lotte: „Das ist doch die Hauptsache!“

Dann musste ich dran glauben.

„Mein liebes Wichtelchen“, sagte er immer wieder und sah forschend zu mir herüber. Nun kommen die Vergleiche:

Wie ein fröhlicher Schmetterling.
„Der Vergleich stimmt nicht.“
Wie eine Blume, die sehr gepflegt werden müsse.
„Blume stimmt nicht“, sagt er, „die verblüht zu schnell. Wichtel blüht ewig.“
„Ewig auch nicht“, sagte ich leise.
Wie ein Fisch im Wasser, der sich nicht fangen lässt.
Und schließlich: wie ein zehnjähriges Mädel. Als Weib aber sei ich ihm rätselhaft.

Die Frau sei nicht dazu da, wie eine Vase behandelt zu werden. Sie habe Pflichten, sie wird aus anderen Gründen geheiratet als bloß wegen Kameradschaft. Ich schwebte zwischen Himmel und Erde. Das habe er schon nach drei Tagen gewusst. Weiter sei er aber auch nicht gekommen.

„Jetzt sollen Sie mir Aufschluss geben. Eine Frau, die ich trotz aller Mühe nicht verstehen kann, ist mir unheimlich.“

Da sagte ich ihm: „Wir Oltrogges sind alle so: Nur wenn wir mit jemandem allein sind, draußen im Wald oder in der Heide, dann zeigen wir uns, wie wir sind.“

Edam bestätigte das.

Ich fügte hinzu: „Mein jüngster Bruder ist der einzige Mensch, der mich versteht und Lotte auch.“

„Verheiratet sich Wichtel wohl?“, fragte er.
Lotte: „Warum nicht? Aber eigentlich ist sie viel zu schade für die Männer.“

Ich kam mir vor wie eine Verurteilte.

„Ich kann nichts dazu. Ich bin nun mal so. Wer mich nicht versteht, dem kann ich auch nicht helfen.“

Ich rühre meinen Mokka um, alles schweigt. Ich fühle diese Stille, ich fühle etwas Unabwendbares auf mich zukommen und bin machtlos.

Edam schwärmt für eine 16-jährige Jüdin, hier im Flecken. Kurt, der sonst behauptet Edam sehr ähnlich zu sein, kann dies nicht verstehen. Später setzte er sich auf Lottes Sessel, fasste und küsste sie und sah dabei mich an.

Dann wieder zu mir: Ich solle ihm mein liebstes Lied singen. Wenn er mich so ansieht, kann ich das nicht. Sieht er das denn nicht? Er merkt es, fragt erst Lotte, dann wieder mich. Mir ist, als bliebe mir das Herz stehen, wenn er mich so ansieht.

Ich singe meine Heidelieder, alle schwermütig.

„Solche Lieder liebe ich am meisten“, sagt er und sieht mich wieder an.

„Wichtelchen, ich bin nicht so wie Edam. Das bin ich gar nicht!“

„Das glaube ich doch.“

Warum quält er mich so?

Er holt meine Laute, ich soll „Rosmarinheide“ singen.
Dann lässt er leise das Grammophon spielen und ich mitsingen: „Guten Abend, gute Nacht“. Er sitzt neben mir auf der Lehne, ganz nahe. Ich suche in meinem Zopf: „Ade mein z. p. Nacht.“

Ganz nahe beugt er sich wieder zu mir. Sein Gesicht neben meinem. Ich höre ihn etwa und ich muss mein Herz mit Gewalt festhalten „Was suchst du denn, Wichtelchen?“

Alles ist leise. Dann finde ich es doch und er singt mit. Ich tue meine Laute in die Hülle und er hilft mir. Er ist dann wieder so gut. Wüsste ich doch, was er eigentlich wollte.

„Die Erklärung sind Sie mir aber noch schuldig, Wichtelchen.“ Ich kann schon bald nichts mehr sagen.

Als ich gehe, hält er mir die Hand hin. Ich lege erst den Gitarrenkopf hinein, dann meine Hand. Er drückt sie in Absätzen und sagt mit weicher Stimme: „Ich wünsche Ihnen eine recht, recht gute Nacht.“

Auf dem Flur neckt er mich wieder, bis er lachend die Treppe hinauf rennt.

Lotte: „Bringen Sie mir meine Hedy gut nach Hause.“
Mir flüstert sie zu: „Bleib nur so, wie du bist!“

Edam versteht mich. Warum liebe ich den nicht?

Abends 7 Uhr

Ich komme eben mit Lotte vom Spaziergang zurück. Wir haben Kätzchen gepflückt. Erst war es ganz kalt, dann sind wir ganz warm geworden. Sie erzählt mir von dem treuen Edam: Er habe sich bei ihr Rat geholt, wie er mich am besten „kriegen“ könne. Solche Frau möchte er wohl haben. Lotte sagte, ich sei nur zum Heiraten, verschenken täte ich gewiss nichts. Er solle nur nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Darum also diese Vorsicht. Deshalb sagte er gestern, ich wäre eine Blume, die vor rechter Hand gepflückt werden müsste. Darauf sagte Lotte: „Ja welche ist denn nun die rechte Hand?“

Er habe sie stundenlang nach mir ausgefragt. Ja, so ists immer. Warum? Oh, Gott.

Und Kurt? Wollte mit dem Vetter nach Berlin fahren. Vielleicht fährt er vorher nach Hannover. Hat sie denn gar nicht davon gehört, dass wir uns doch verabredet haben oder hat er das längst vergessen.

Ich verstehe diesen ganzen Kram nicht mehr. Es ist schlimm, dass ich nicht loskomme. Tag und Nacht denke ich daran. Wie mag das nur enden?

Lieber Gott, verlass mich jetzt nicht.

KI generiert

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