
Sonnabend, den 20. Februar 1926
Es regnet noch immer. Eigentlich sollte ich jetzt in Hannover sein. Die arme Idel! Ob sie schon mit dem Auto nach Göttingen gefahren sind? Lotte besorgt mir Garn für Idels Schal. Sonst ruft sie an, und ich fahre heute Nachmittag selbst mit.
War das gestern Abend wieder herrlich mit uns beiden. Ich glaubte gar nicht, dass Lotte bei dem Wetter kommen würde. Ich hatte gerade Bine ins Bett gebracht, da hörte ich Schritte, es klopft an meine Tür. Da steht sie, ganz nass.
„Das ist rührend von dir, Lotte!“
Und dann hat sie mir Schneeglöckchen mitgebracht, die Herr Edam für mich gepflückt hat. Der freut sich nun schon, dass er mich den ganzen Sonntag wieder hat. So ist das Leben.
Über die Männer im besonderen und im allgemeinen haben wir gesprochen. Die meisten sind eigentlich erotisch. Das ist so, und wenn es einem so schwerfällt, muss man sich als Frau damit abfinden. Und Edam würde genau, oder sehr schlimm, so sein. Ich glaube, Erbarmen kennt der nicht, und davor hätte ich Todesangst. Deshalb kann ich ihn nicht heiraten.
„Du sollst auch nur das tun, was du kannst“, sagt Lotte, „aber er ist jetzt so rührend zu dir, da musst du auch gut mit ihm sein.“
Dann erzählt sie von ihrem Kurt und dass ihre Mutter sich jetzt auch schon damit abgefunden hätte. Wenn Kurt sich bald eine junge Frau ins Haus hole, dann müssten sie nach oben ziehen, Küche und alles einrichten. Die jungen Leute wohnten unten. Wenn Lotte dann ihre Sachen mit nach Ostpreußen nehme, dann müsse man sehen, was daraus werde.
Wie sie das erzählte, war ich so sehr froh und kam gar nicht auf den traurigsten Gedanken der Welt. Bis halb eins haben wir von ganz neuen Welten gesprochen, von der tiefen Traumliebe. Ich bewundere und liebe sie und fühle, wie ähnlich wir uns sind.
„Ich fürchte nur, ich habe meinen Kurt zu lieb“, sagt sie, „vielleicht liebt er mich lange nicht so.“
Und dann nehmen wir uns in den Arm. Mein Kopf an ihrer Schulter. Was ich noch bei keiner Freundin getan habe, bei ihr ist das selbstverständlich. Wir sehen uns an, lachen und trösten uns und wollen uns immer treu sein. Ganz leise geht sie dann den Gang hinunter. „Gute Nacht, träume von ihm.“
Abends 6 Uhr
Eben ruft Lotte an. Ich soll abends hinunterkommen, wir wollen in die nationale Versammlung. Sie ist per Bahn in Göttingen gewesen, hat mir alles besorgt und hat Lisa Stolz mitgebracht. Um 8 soll ich unten sein.
„Wenn ich kann“, sagte ich.
„Wenn du willst, kommst du.“
Ich hörte, wie jemand daneben sprach, und sie wiederholte: „Man sagt hier, du solltest Mut im Bauch haben.“
Ich lachte: „Ja, der kann gut reden.“
Nun bin ich wieder ganz froh und bebe innerlich. Ich freue mich, dass ich ihn heute noch wiedersehe. Mein Herz lacht und jauchzt immerzu.
Wenn ich ihm doch meine Liebe zeigen könnte. Wenn ich’s doch könnte. Er muss es doch fühlen, sehen, merken können.


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