Als säßen nur wir beide da

4–6 Minuten

Sonntagmittag, den 21. Februar 1926

Ob die Sonne noch durchkommt? Dann wollten wir Aufnahmen machen und in die Steinhöfe fahren. Ach, ist das Leben unsagbar schön!

Zwar wusste ich gestern abend beim Baron die Nebenflüsse des Mains nicht. Weshalb er meinte, ich sei wohl auch aus Versehen Lehrerin geworden. Dann noch ins Herrenzimmer. Ich saß wie auf Kohlen. Es war gleich acht, und ich sollte doch unten sein.

Schließlich lotste ich Bine mit. Die Baronin sagte zu ihr: „Sicher geht Fräulein Oltrogge erst noch zu Schmidts.“

Ich zog meinen neuen Mantel und den schwarzen Hut an und ging hinunter. Gerade wollte sie weggehen. Edam hatte geahnt, dass ich noch käme, und hat deshalb schon die Tür geöffnet.

Wenn Blicke brennen können, dann stand ich wie in roten Flammen auf dem Flur. Rechts stand er, ich fühlte seinen Blick. Ich drückte allen die Hand, und auf Edams Frage, weshalb ich so erregt sei, lachte ich heraus, dass ich wieder wütend wäre.

Dann zur Versammlung bei Müller. Das Lokal voll Rauch, fast nur Männer. Hinten in der Nische setzten wir uns. Lisa und ich aufs Sofa, links vor mir am Tisch Lotte und Kurt, rechts Fräulein Sauermann und Herr Edam.

Und in mir war alles Beten und Lust und Lachen, denn immer sah er mich an. Was er alles sagte. Es wäre das erste Mal, dass er von einer Reise zu Hause geblieben sei, wenn er es sich vorgenommen habe, aber er stünde wie unter einem bestimmten Einfluss dieser Frau. Als ich ihn darauf fragend ansah, sagte er: „Ja, richtig. Es ist selbst unbewusst.“ Ob ich schon an Rudolf geschrieben hätte? Und was die anderen machten? Wieder erzählte er unser Erlebnis im Georgengarten.

Nun wollten wir nächsten Sonnabend fahren, aber das kann ich ja doch nicht. Lotte erklärte ihm, warum ich Dienstag fahren müsse. Mein Hut wurde bewundert. Es wurde gelacht. Die Welt war für mich da.

„Wir müssen doch noch einmal zusammen ausgehen“, sagte Kurt.

Edam: „Ja, eigentlich wollte ich Dienstag ja auch mitfahren.“

Als ob sie mir alle nach dem Leben trachteten. Wieder betonte er, dass Lotte und er sich gleich seien. Ich musste es bestreiten. Lisa stimmte ihm natürlich bei, Lotte blieb fest.

Der Vortrag selbst: eigentlich nichts Neues. Was immer gesagt wird, dass man national denken solle, über Arbeitslosigkeit und Unterstützung, über Vernunft gegen gewisse Arbeiterforderungen. Dann steht Kurt auf und beweist mit fester, männlicher Stimme logisch und klar, weshalb diese Gaben für die Arbeiter hier in Adelebsen unbedingt notwendig seien. Alle mussten ihm recht geben. Mein Herz flog ihm zu.

Vom Rauch taten mir die Augen weh. Endlich gingen wir heim. Lotte und ich Arm in Arm voran, die Tür offen, die Herren hinterher. Lotte zeigte mir die besorgten Sachen, Gabeln usw., dann zogen wir aus und saßen in den Sesseln: Lotte, Edam, ich, Lisa, Kurt.

Lisa meinte wieder, Kurt sei gar nicht zu dick, obgleich er es selbst behaupte.

„Wollen wir nicht morgen einen Spaziergang machen, das tut uns beiden gut?“ Dabei sah er mich wieder schelmisch lachend an.

Was auch gerade besprochen wurde: Theater oder Archibald (die Platten will er sich kaufen, weil es ihm so gefällt: „Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie du.“) Immer war mir, als ob er es nur zu mir sagte. Ob Latein oder Griechisch. Mir war, als säßen nur wir beide da, als suchten sich unsere Herzen und müssten sich finden.

Ich konnte mich auf den Anfang der Ilias nicht besinnen. Er sah in seinem Bücherschrank nach, fand alte Schulbücher, englisch, französisch. Er setzte sich auf die Lehne meines Sessels. Kopf fast an Kopf mit mir, sah mit mir in die Bücher, ein Arm auf der Rückenlehne, so dass er mich ganz umschloss. Ich saß so glücklich da, als müsste das alles so sein, als wäre dies erst mein eigentliches Leben.

Wir betrachteten zusammen ein Buch und dass wir beide dasselbe taten, lag wie ein heimlicher Bund zwischen uns. Ich hatte gar keine Angst vor ihm. Ich weiß ja, wie gut er ist. Seine rote Hand, groß und warm, fuhr über die Zeilen. Ich hörte seine Stimme, scheinbar ganz bei der Sache. In mir war nur die eine große Freude, dass er so nahe bei mir war. So nahe.

Dann ging er fort von mir, setzte sich zu Lisa Stolz. Ich fand es gut. Vielleicht denkt er es mit.

Lotte und ich alberten, mit einem Mal fasste sie mich und zog mich auf ihren Schoß, sah mich lachend an. Ihr Bruder, Edam und Lisa sahen uns zu. Edam fasste plötzlich fest meine beiden Handgelenke, dass es wehtat, das Armband schnitt ein, dann ließ er los.

„Gute Nacht.“ Ich weiß schon, wie er dann aufsteht, mir die Hand gibt, mich ansieht. Wir sind draußen, er bleibt mit Lisa allein zurück.

Draußen hat Herr Edam meinen schönen Hut aufgesetzt und stolziert damit vor dem Spiegel. Ein kurzer Kampf und ich setzte ihn wieder auf. Untergehakt zogen wir heim.

Kurt erzählte, Edam habe gesagt, er habe richtig Angst davor, mich zu berühren. Ob Kurt auch Angst davor hat?

Hätte ich meine Laute mitgebracht, wollten wir singen: „Wir zwei wollen beten gehen.“

Ich glaube immer mehr, dass er mich liebte.
Oh, wenn doch diese Seligkeit.

KI generiert

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