



Dienstag, den 23. Februar 1926
Es ist halb elf. Eigentlich sollte ich jetzt in Hannover sein, aber es kam wieder anders. Draußen zwitschern die Vögel. Es ist ein fröhlicher Vorfrühlingstag. Eben bin ich durch die Gärten gestreift: erst auf der Mauer entlang zum Paradies, dann den schmalen Grasweg hinauf zum Gewächshaus. Vom oberen Berg rief mir jemand einen guten Morgen zu. Weiter ging ich über den Tennisplatz, die Treppe hinunter – dort stand Frau Reinhardt und bat mich, die kleine Haustür aufzuschließen. Wir gingen in den Apfelkeller, wo sie mir von ihren Brüdern und ihrem Streit mit dem Baron erzählte. Alle hatten sie es mit ihm.
Dann lief ich durchs Lustfeld, alle Wege entlang. Wie dahinten die Berge winken, wie die Luft erfüllt ist von Frühlingsahnen. So frei, so leicht bin ich. Ohne Mantel und Hut. Da stand der alte Gärtner Finge. Ein Mensch, der Freude an seiner Arbeit hat, dem der Sonntag im Zimmer zu lang wird, weil er seine freie Arbeit draußen braucht. Wir plauderten ein Weilchen, und ich empfand, dass alle Menschen meine Brüder sein könnten.
Den Weg hinunter zur Linde, von wo ich das Gut sehen kann. Einen Morgengruß sandte ich allen, die ich so lieb habe. In diesem Augenblick so wunschlos lieb. Und doch weiß ich, dass nur sie mir die Welt hier so verschönt haben. Einmal in meinem Leben möchte ich ihnen dafür danken können. Traurig sein kann ich gar nicht. Ein wundersames Gefühl lebt in mir, nicht mehr so schmerzhaft sehnsuchtsvoll wie am Anfang, sondern anders, unbeschreiblich schön und zugleich tröstend.
Und warum bin ich hier?
Bine ist krank, sicher Grippe, die arme Kleine. Sie hatte sich so auf Imshausen gefreut. Zwar sagte die Baronin, ich solle nur nach Hannover fahren, aber Bine bat so sehr, dass ich es nicht übers Herz brachte. Ich telefonierte mit Idel: „Ich komme Sonnabend!“
Dann rief ich in Adel an.
„Hier Rittergut Adel?“
„Ich möchte mit Lotte sprechen.“
„Ach, grüß Gott!“
Und dann sein Lachen, das meines weckte: „Da lachen doch bald die Hühner!“
„Dann fahren wir vielleicht Sonnabend doch noch zusammen?“
„Ja, vielleicht.“
Lotte meinte, ich solle doch noch einmal hinuntergehoppst kommen. Aber aus dem Hoppsen wurde nichts.
Wir packten Bine ins Bett. Ich setzte mich daneben und dachte an Sonntag.
Zum Kaffee waren die Adershausens da, zwei Jungen und ein Mädel. Ich betreute sie, machte Witze mit ihnen, weil ich so froh und lustig war. Wenn man weißen Rock und gelbe Bluse trägt, kann man ja auch nicht weinen. Bine wollte mich noch länger behalten, aber ich musste doch hinunter.
Da saß er auf dem Flur mit drei Arbeitern, stand auf und begrüßte mich. Edam erzählte von ihrer Autofahrt, ich hätte nur noch gefehlt. Lotte sagte, sie seien sehr fidel gewesen und hätten auch Aufnahmen gemacht. Lisa Stolz freute sich ebenfalls und ich dachte: Vielleicht liebt er sie doch.
Ein Herr Meger kam zu Besuch, kräftiger Gruß, viel Gerede vom Rittergut. Er lud Kurt zum Hausball ein. Und ich habe mein Herz noch nicht genug in der Gewalt, denn es zuckt immer noch.
Lotte und ich gingen auf ihr Zimmer. Sie las mir wieder einen Brief von ihm vor, dann holten wir mein Garn. Als wir die Treppe hinunterkamen, traten gerade Lisa und Kurt aus dem Herrenzimmer. Sie wollten in die „Nälle“. Ob er meine Gedanken weiß? Er kam auf mich zu, fasste mit beiden Händen meine Schultern, sah mich an und sagte: „Aber nicht weggehen, hierbleiben.“
Leise brachte ich hervor: „Ja, ich bleibe noch und gehe nur mit Lotte hinauf.“
Er glaubte mir noch nicht: „Sie haben doch Urlaub!“
„Nein, zum Essen muss ich hinauf.“
„Aber dann kommt Hedy wieder“, sagte Lotte zu ihm. Er schien beruhigt und ging mit Lisa hinaus.
Eine Ewigkeit schien es mir. Mein Herz tat nicht weh, nur ein wenig saß mir das Weinen in der Kehle. Warum lässt er mich nicht ganz zufrieden? Wäre ich weit von hier. Edams bewundernde Blicke quälen mich nur.
Frau Schmidt zeigte uns ihre Häkelarbeit. Ich saß zwischen beiden. Mein eitler Sinn dachte: Käme er doch! Und er kam, stellte sich hinter uns, als ich auf der Lehne von Lottes Sessel saß. Man sprach über Frisuren. Er meinte, eine hohe Frisur stünde mir wohl, das müsse man einmal ausprobieren. Lisa sagte, sie könne keinen Scheitel tragen wie Lotte, dann sähe sie aus wie eine „Madama“. Das Wort griff er auf: „O Madama, wie schön bist du!“ Und später sagte er „Wichtel“. Könnte ich doch in seine Augen lesen.
Den Berg hinauf. Oben komme ich wieder in diese Almsphäre, das andere liegt wie ein Traum hinter mir.
Abends musste ich doch wieder hinunter. Es war ein herrlicher Abend. Fast wäre ich lieber allein die Landstraße hinabgegangen, bis zu den fernen Bergen, im Herzen die Liebe zu ihm, der mich immer noch nicht versteht, der mit Lisa Stolz spielt und wer weiß, an wen sonst noch denkt.
Dort zogen junge Menschen, ihr Heimatlied drang zu mir herüber. Unnennbare Sehnsucht kam über mich. Ich möchte wandern, so leicht, so frei, wie ich mich jetzt fühle. Liebe, Hass, Qual und Kummer fallen von mir ab, nur diese Sehnsucht bleibt. Wenn mich niemand versteht, einer versteht mich, der diese Schönheit geschaffen hat. Aber noch muss ich kämpfen, muss sehen, ob ich nicht einen Menschen finde, der diese Sehnsucht mit mir teilt, der mir die Hand gibt und mit mir wandert.
Und da stehe ich vor seinem Hause. Noch kann ich umkehren. Niemand hält mich. Drinnen spielen sie sicher. Haben sie Zeit, an mich zu denken?
Ein Klingelzug. Die Tür öffnet sich. „Man hat Sie schon sehnlich erwartet.“
„So?“ sage ich ohne Herzklopfen, weil ich noch halb draußen bin.
Drinnen wird Quartett gespielt. Ich sitze zwischen Lisa und Lotte und beobachte alles, noch halb in der anderen Welt. Lotte still, kommt kaum zum Zug. Lisa fragt fast ausschließlich Kurt, hilft ihm sogar zu gewinnen, verliert selbst und sagt: „Ich habe kein Glück im Spiel.“
Edam meint: „Dann haben Sie Glück in der Liebe.“
„Hoffen wir das Beste“, sagt sie. Ich weiß, an wen sie denkt. Aber ich weiß nicht, warum ich ihretwegen Angst habe. Er schweigt.
Das Spiel ist zu Ende. „Nun wollen wir Wichtel noch einmal hereinlegen“, sagt Kurt und verteilt die Karten. Ich bekomme nur ein Spiel. Lotte hatte mir zwei abgeluchst.
Die älteren Herrschaften sind schlafen gegangen. Wir sitzen tief in den Sesseln, jeder denkt. Ich erinnere mich an seine Worte: Ich täte ihm leid, wenn ich verheiratet wäre; wenn ich die Männer erst richtig kennenlernte, bekäme ich Angst. Seine Mutter lachte darüber.
Mit einem Mal sagt er: „Mit Wichtel ist heute etwas los. Kommen Sie, Edam, wir wollen sie auf andere Gedanken bringen.“
Und dann kommen sie beide. Edam setzt sich vor mich, fasst meine beiden Handgelenke fest. Kurt steht hinter mir. Ich weiß nicht, was er vorhat.
Da bekam ich Angst und sagte leise: „Bitte nicht, bitte nicht“, da ließ er mich los. Und dann sollte ich spielen. Ja, was denn?
Zuerst: „Rote Wolken am Himmel.“ Dann sagte er: „Jetzt singen wir Zu Stuntes Stübeli, wir beiden können doch am besten zusammen singen.“ Lisa kannte das Lied auch und sang die zweite Stimme. Ich dachte nur, dass ich an ihrer Stelle nicht mitgesungen hätte, aber es klang schön.
Edam wollte Heidelieder hören, vor allem: „Weißt du wohl, wie wir sangen.“ Kurt und Lotte wollten es ebenfalls. Mein ganzes Herz legte ich in dieses Lied, mein junges, zitterndes Herz, das zuerst so laut gegen die Laute klopfte, dass ich fürchtete, man könne es hören. Ansehen konnte ich niemanden, denn es hieß ja: „Aug’ zu Auge zärtlich spricht, aber uns lieben, das dürfen wir nicht.“
Alle waren still. Da fragte er mich, ob das auch zu meinen Lieblingsliedern gehöre. Als ich es bejahte, kam er wieder mit seinem „Klub der Enttäuschten“.
Und plötzlich bat er, ich solle das Lied noch einmal singen. „Wer ist dafür?“ Alle. Bis auf Lotte. Wir sahen uns an und verstanden uns. Da sprang er auf, umarmte Lotte und fragte, warum sie es denn nicht wolle. Sie solle mich doch bitten. Immer wieder sagte er: „So bitt sie doch, dass sie es tut“, als hinge alle Seligkeit davon ab.
Wir sagten ihm schließlich, dass er ja doch hinterher nur dumme Reden mache und darüber lache. Da wurde er ernst: „Aber das meine ich ja gar nicht so, bestimmt nicht. Lotte, nun bitt sie doch.“
„Meinetwegen sing doch, Lied von Hedy“, sagte Lotte müde.
Still setzte er sich wieder in seinen Sessel: „Nun will ich auch bestimmt nichts mehr sagen.“
Also noch einmal. Mein Herz, halt still. Nachdem er sich genau nach dem Text erkundigt hatte, sang ich ein zweites Mal. Meine selbst erfundene Melodie fanden sie wunderbar.
Dann: „Müsst’ ich dich grüßen.“ Er hatte das Buch und wollte mitsingen.
„Ich kann den Text auch nicht, können wir nicht zusammen hineinsehn?“, fragte Lisa zweimal. Er antwortete nicht. Warum geht er nicht zu ihr?
Das Lied ist lang, meine Finger tun mir weh. Lisa will spielen, kennt aber den Text nicht. Da nimmt er meine Laute, probiert und ruft immer wieder: „Wichtel!“, ich solle ihm die Griffe zeigen. Lisa geht hin und hilft ihm, doch wieder ruft er mich. Ich setze mich zu ihm auf die Lehne und zeige es ihm, seine einzelnen Finger auf die rechte Saite legend.
Er ist wie ein kleiner Junge, der lernen will und es nicht kann. „Aber Wichtel, hinten steht es doch so!“ Unsere Köpfe sind über das Buch geneigt. Wieder probieren wir. Mein Arm streift seine wissbegierigen, geröteten Blicke, aber warum sollte ich zittern? Er gehört doch zu mir. Ich zittere nicht einmal.
Es stört mich nicht, dass die anderen da sind. Ich bin bei ihm, und er beschützt mich. Mit einem Mal merke ich, dass meine Hand ganz still, wie selbstverständlich, in seiner warmen Hand liegt. Auch sie ist still, rührt sich nicht. Ich weiß: Er fasst nicht fest zu, weil ich sonst vielleicht vor Angst meine Hand wegziehen würde. So gut ist er.
Dann setzt sich Lisa ihm gegenüber und singt. Und weil ich weiß, sie singt nur für ihn, stehe ich von seinem Sessel auf und gehe wieder an meinen Platz. Dort verschränke ich die Arme hinter dem Kopf und träume, während Lisa um seine Liebe wirbt. Wenn er mit ihr glücklich wird, kann ich verzichten, weil ich ihn mehr liebe als mich.
Edam singt sein Lied: „Frühmorgens, als die Krähen krähn.“ Ich begleite ihn. Die anderen wollen es nun auch lernen. Dann kommen Kriegserlebnisse zur Sprache. Ich kann mir Kurt gut als Fahnenjunker vorstellen, Edam als Kanonier.
Es ist schon nach zwölf. Wir müssen auseinandergehen. Als ich meine Laute nehme, kommt Kurt zu mir und legt die Hand darauf: „Die bleibt am besten gleich hier, Wichtel, Sie brauchen sie doch nicht mehr.“ Ich sehe ihn an. „Die wollen wir hier stationieren.“
„Nun gut, wenn ich wiederkomme, können Sie C-Dur spielen“, sage ich.
Er lacht: „Dann muss ich auch das Buch haben.“
Nun hat er beides von mir. Ich weiß, er tut es nur, damit ich wiederkommen muss. So wird er eines nach dem anderen nehmen. Alles, auch mein Herz. Und ich kann nichts dagegen tun. Ich muss stillhalten und ihm alles lassen. Alles.


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