Von Perlen und Muscheln

2–4 Minuten

Donnerstag, den 25. Februar 1926

Bine geht es besser. Um drei Uhr steht sie wieder auf. Und ich fahre Sonnabend nach Hannover.

Heute war ich eine halbe Stunde unten. Im Flur sagte mir Frau Schmidt, dass ihr Sohn auch krank sei: gestern im Bett gelegen, wahnsinnig transpiriert, heute wieder auf, aber noch mit etwas Fieber. Lotte brachte mich hinein. Er saß am Schreibtisch, sah tatsächlich etwas krank aus, aber bei ihm habe ich nie das Gefühl, dass er wirklich krank sein könnte.

Er setzte sich zu uns, und bald wurde wieder nur Unsinn geredet. Er hatte von Lotte ein kleines Heft mit Versen entdeckt und las nun daraus vor. Treue sei langweiliger Blödsinn. Innerstes, Seele, Herz ebenfalls. An der Oberfläche zu bleiben, das sei nett, ein bisschen spielen. Das liebe er. Ich nannte ihn ein Gräuel. Er lachte, las weiter und fragte mich schließlich, was ich am liebsten wolle.

„Das, was Sie nicht mögen.“

„So?“

Dann begann er vom Hausball am Abend zu sprechen und fragte, ob er wohl hingehen solle. Ich redete ihm eher zu. Vielleicht würde ihm der Alkohol guttun. Das glaubte er auch. Nur Lotte sprach dagegen. Schließlich meinte er selbst, er bliebe wohl lieber hier.

Er wollte sich die Herren dort ansehen, um vielleicht ein paar nette Försterfreunde einzuladen: „Nicht wahr, Wichtel, die kennen dann auch die Heide und so?“

„Ja“, lachte ich, „die könnten wir gebrauchen.“

Dann fragte er mich, ob Lisa Stolz verliebt sei.

„Ich weiß es nicht.“

Er glaubt es nicht, aber Lotte und seine Mutter sagen ja. „Es ist immer so: Der, der es merken sollte, merkt nichts. Die anderen merken es.“

Wenn es ihm einigermaßen gehe, fahre er Sonnabend mit. Freitag bekäme ich Nachricht.

„Das wäre schön“, sagte ich.

„Aber dann kommt Trinchen sicher noch mit“, meinte Lotte.

„Das ist mir einerlei“, erwiderte er. Lotte lachte diebisch.

Schließlich ließ sie uns allein. Und da fragte er mich – er, der doch am liebsten an der Oberfläche plätschert –, ob ich nicht auch ein solches Heft mit Versen hätte. Ich solle es ihm doch einmal mit hinunterbringen, er ließe sich gern belehren.

Aber warum? Eben hatte er noch gesagt, es reize ihn gar nicht, auf den Grund des Meeres zu tauchen. Dort fände man keine Perlen, sondern nur Schnecken und Muscheln. Ich konnte nur erwidern, er dürfe nicht immer von sich auf andere schließen.

Eifersucht kenne er nicht. Als Lotte das bezweifelte, verlangte er Beweise. Und dann fügte er hinzu, er kenne auch keine Liebe.

Er ist zu komisch. Ich werde nicht klug aus ihm.

Abends

Bine ist bei ihrer Mutter. Zuerst wollte sie mich wieder nicht fortlassen. Fräulein Sprenger war da; sie hatte von Lotte gehört, dass Bine krank sei und ich hier wäre. Als ich sie die Treppe hinunterbegleitete, wollte sie mich überreden, Sonnabend mit ihr zu fahren. Aber ich konnte ihr doch nicht sagen: „Herr Schmidt fährt wahrscheinlich mit.“

Wegen meiner Papiere muss ich ohnehin vormittags fahren. Ich bin gespannt, wie alles wird – und ob ich ihm mein Herz gebe oder nicht.

Mit ihrer Vakanz Zeitung meinte sie, ich solle mich bewerben, wenn irgendwo eine gute Stelle sei. Aber ich weiß: Mein Herz müsste ich vorher töten.

Wüsste ich doch, ob er mich liebt? Ich gäbe ihm das Heft so gern.

Hoffentlich ist er bis Sonnabend wieder besser, damit er mitfahren kann.
Ich muss ihm mein Herz zeigen.

KI generiert

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