

Donnerstag, den 4. März 1926 – Adelebsen
Mir ist alles rätselhaft. Fast möchte man den Kampf aufgeben.
Gestern bin ich aus Hannover zurückgekehrt. Auch Idel freute sich sehr. Butterkuchen und Heringssalat hatte sie für mich gemacht. Wir haben lange gesprochen, vieles geklärt, und ich habe ihr viel erzählt.
Die guten Tanten waren da und bewunderten mein weißes Kleid. Bertine Winter meinte, ich sähe aus wie eine Braut.
Abends gingen Idel und ich in die Pauluskirche zum Konzert. Es war wunderbar. Ich sah die dunklen Fenster, und mit den Tönen entfloh meine Seele hinaus in die Nacht. Wie leicht mir war! All meine Liebe trug ich hinauf, hinauf, wo er auch sein mochte. In Gedanken war ich bei ihm, mit ihm; seine Hand hielt die meine umschlossen, und gemeinsam lauschten wir.
Und doch saß ich allein dort – allein in unserer Welt. Er war gewiss noch in Berlin.
Abends
Nun bin ich wieder unten gewesen, und alles ist wie zuvor. Ich kann nicht mehr von ihnen los. Mit hundert Fäden bin ich mit ihnen verknüpft.
Als ich auf dem Flur stand und wartete, ging plötzlich die Tür auf. Er kam.
„Ach, Wichtelchen ist es!“
Und was er dann noch alles sagte: vom langen Warten, dass Lotte schon ganz böse sei, weil ich nicht gekommen wäre, dass sie seit drei Tagen dauernd nach oben geschielt hätten. Ich hörte es nur halb, so sehr freute ich mich. Dann brachte er mich hinein und rief Lotte.
Wir hatten kaum ein paar Worte gewechselt, da kam dieser unselige Haas, der nach Hannover wollte. Lotte und ich verzogen uns. Sie erzählte, wer alles zu ihrem Geburtstag komme. Fast zwölf Damen. Mir wurde angst und bange. Wir lachten noch eine Weile auf dem Sofa und gingen schließlich Arm in Arm nach oben, mit Handarbeiten und Briefen von ihrem Kurt.
Abends sollte ich wiederkommen, doch ich mochte die Baronin nicht gleich fragen. Nun kommt sie morgen zu mir.
Halb sieben. Bine sollte um sieben vorlesen, da wollte ich dort sein. Ich setzte mir gerade die Mütze auf, da kam Kurt aus dem Herrenzimmer und ließ mich nicht gehen. Er holte mich wieder hinein und brachte meine Gitarre. Es war rührend anzusehen, wie sich seine großen Hände abmühten.
Zuerst musste ich stimmen. Das habe er schon oft versucht und nie zustande gebracht. Wie er mich dabei ansah! Ich hätte ihn küssen können, so gut war ich ihm.
Weil das Griffbrett so schmal ist, kommt er mit seinen Fingern immer gleich an zwei Saiten. Immer wieder ruft er „Wichtel“, die ihm helfen soll. Ich stand hinter ihm. Am liebsten hätte ich seinen großen Kopf in meine Hände genommen und gesagt: „Quäl dich doch nicht so.“
Aber seine Eltern und seine Schwester waren ja dabei. Ich fühlte, wie seine Mutter mich ansah.
C-Dur war schwer, aber D-Dur traute er sich bald. Immer sah er mich so merkwürdig an, bittend, rührend gut. Weiß er denn noch immer nicht, dass mein Herz ihm gehört?
„Und was macht Rudolf?“, fragte er.
Ich sah ihn an und sagte: „Den habe ich gar nicht gesehen.“
„So? Dann war es wohl mehr eine Pflichtreise. Nicht aus inneren Antrieben.“
Er kennt mich also noch nicht.
Meine Laute brachte er ordentlich wieder weg. Er wolle noch üben. Wirklich großartig. Er tut, als gehöre sie ihm!
Edam wäre beinahe gestorben vor Sehnsucht nach mir. Beide brachten mich hinaus. Wir winkten an der Tür: „Auf Wiedersehen.“
„Wenn die Sonne scheint, kommst du.“
Und ich konnte es nicht verhindern, dass meine Wangen wieder ganz rot waren. Auch nicht, dass die Baronin es sah, als wir neben Bine auf dem Sofa saßen, die zu Abend aß.
Was sie nur denkt!
Ich möchte von ihm träumen.


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