



Montag, den 8. März 1926
Der Duft des Frühlings dringt zu mir herein, irrend klingt er durch die Allee. Wie weich und warm drang die Luft mir entgegen, als ich am offenen Fenster stand. Nun bin ich allein, ganz allein. Nun kann ich wieder so sein, wie ich wirklich bin.
Meine Augen tun mir weh vom Weinen.
Idels Brief. Hermanns Brief. Da sind sie weit weg von mir, leiden Not und klagen nicht. Und ich kann nicht helfen. Oh, ich kann nicht! Morgen muss ich mich also nach einer anderen Stelle umsehen, damit ich mehr Geld bekomme, damit ich ihnen helfen kann. Dann muss ich hier fort. Das Kind wird weinen, Lotte wird traurig sein, die anderen werden mich bald vergessen.
Ich sehe mich weiterwandern, den Blick geradeaus, nicht zurück. Denn dann kämen wieder nur die dummen Träume.
Und warum? Dieses Jahr war so reich an Freude und Glück. Das ruht tief in meinem Herzen. Ich nehme es mit in die Fremde. Und damit ich nichts vergesse, schreibe ich alles auf, was ich hier erlebt habe.
Heute habe ich mich bei Lotte ausgeweint. Ich habe ihr alles erzählt, und sie litt mit mir. Oben auf ihrem Zimmer haben wir gesessen. Ich hatte Angst, dass uns jemand begegnen und meine verweinten Augen sehen würde. Aber der Schmidt hat hoffentlich im Dämmern nichts bemerkt.
Lotte brachte mich den Berg hinauf. Hinter uns hörten wir Edams Stimme. Lotte sagte noch: „Umdrehen!“ aber ich konnte ihn jetzt nicht sehen. Mein Leid konnte ich ihm nicht zeigen.
Und doch: gestern war ich noch so froh. Ich ahnte nichts von Idels Angst und Hermanns Not, freute mich meiner Jugend und darüber, dass alle so lieb zu mir waren.
Bine meinte, ich sähe aus wie eine Heilige in dem apfelblütenfarbenen Kleid. Das fand ich nicht. Ich war nur glücklich und aufgeregt: ob die „Lausie“ da sei? Nein. Aber das Auto des Juden stand wieder da, und Fräulein Sauermann sagte, dass Lisa Stolz da wäre.
Mit lautem Freudengeschrei rückte man mich drinnen zurecht.
„Donnerwetter, Wichtel! Ja, da staune ich!“ rief Edam.
Ich wand mich zwischen den Sesseln hindurch und drückte allen die Hand. Gleich ging es los: Lisa war müde und legte sich schlafen. Lotte und Edam erzählten vom Fest am Sonnabend, wo alle gewesen und tüchtig getanzt hatten.
Der Jude saß immer noch da und spielte mit dem Herrn. Da holte der Schmidt uns auch einen Tisch, und nun spielten wir „Leben und Tod“: Edam, Lotte, Fräulein Sauermann und ich. Das war ein harter Kampf zwischen uns beiden. Ich musste lachen und war ganz ausgelassen.
Da brachte Herr Schmidt mir Noten. Zwei Lieder, die Lisa mitgebracht hatte. Er zeigte auf eine Strophe und sagte: „Wichtel, das ist was für Sie.“
Da stand: „Durch dich weiß ich erst, was Liebe ist.“
Ich musste rot werden. Mein Herz zitterte. Was wollte er wieder damit sagen?
„Sie kommen doch wieder, Wichtel?“ sagte Edam. Ich hatte Bine versprochen, bei Sternenhimmel nach oben zu kommen.
„Kommen Sie wieder?“ rief er mir noch an der Tür zu.
„Ja.“
Nachdem die Baronin mein Kleid hübsch gefunden und der Baron mir dazu gratuliert hatte, hielt er mir wieder eine Vorlesung über Herrn Haas. Als ob ich schuld wäre, dass der immer käme.
Bine und ich entdeckten schließlich den kleinen Bären am Himmel.
Dann ging ich wieder hinunter.
Schon auf dem Flur hörte ich, wie meine armen Leute misshandelt wurden. Alle saßen da, als ob sie mich erwartet hätten und ich ahnte nicht, was sie mit mir vorhatten.
Kurt erzählte, dass er sich den ganzen Tag damit abgequält hätte, das Instrument zu stimmen. Man hätte schon seine Ausdauer bewundert – also übernahm ich es.
Links von mir saß der alte Herr Schmidt, der dauernd auf meine Bänder anspielte und sich dann halb totlachte. Ich lachte mit, ahnte aber nichts Böses.
Da sagte Edam: „Wichtel, von mir sollen Sie ja auch noch immer was haben.“
„Ja, das wird nun allmählich Zeit“, lachten die anderen.
„Und von mir auch. Was wünschen Sie sich denn von mir für uns?“ fragte mein rechter Nachbar.
„Dinkelbrot vielleicht? Ein rotes haben Sie ja wohl nicht, Wichtel.“
Da sah ich meine Bänder an – und entdeckte ein tiefrotes. Ich wusste nicht, was geschah. Ich sah es an und dann brach das Gelächter los.
Auf dem Bild waren Edam und ich zu sehen, Arm in Arm, von hinten: diese Hacken, der Hut mit dem Schweinebart, die Uhr über uns. Ein Männergesicht darüber und eine Unterschrift. Entworfen und gezeichnet vom Schmidt, von Lotte gestickt, von ihm dediziert.
Ich dankte ihm mit einem Händedruck und stellte ihm frei, sich von mir ein Lied zu wählen.
„Weißt du wohl, als wie wir sind.“
Ich fühlte alle Augen auf mich gerichtet, mein Herz klopfte – aber singen musste ich ja. Warum lachte Herr Schmidt nach der zweiten Strophe so spöttisch auf, dass es mir weh tat?
Dann gingen die Alten schlafen, und nun begann die Tragödie der Herzen.
Lisa liebt ihn offenbar wahnsinnig. So deutlich zeigt sie es, dass ich deswegen rot wurde. Edam stieß mich an und grinste. Lotte machte ein trauriges Gesicht.
Er probierte auf der Laute, schließlich sangen wir alle. Lisa wollte dauernd mit ihm aus einem Buch singen, während ich alles auswendig kannte.
Edam erzählte von einem netten kleinen Bubikopf, den er schon nach einer Viertelstunde geküsst hätte. Jetzt aber längst vergessen. Dabei blitzte sein Blick zu mir.
„Wichtel“, rief da der andere von der Seite. Ich sah ihn groß an. Was wollte er?
Edam ließ sich nicht stören und machte ihm eine Bewegung mit der Hand, dass er weiterspielen solle.
Dann stand er auf, ging zu Lotte, später tanzte er mit Lisa und mit Lotte. Nicht mit mir.
Als Edam und ich tanzten, sagte Lisa: „Die beiden passen wirklich glänzend zusammen.“
Wir lachten, und Edam meinte, er hätte mir später noch viel zu erzählen.
Und wieder sangen wir: „Wir zwei wollen betteln gehen …“
„Vergelt’s Gott“, sagte der eine, „du sagst Dank, Wichtel – nicht wir beide!“
Ich sah ganz ruhig in sein Gesicht und musste immer mehr denken: „Nun, verliebt bin ich wirklich weder in den einen noch in den anderen.“
Und doch redeten beide unaufhörlich auf mich ein.
Dann Mokka. Edam schenkte mir seine Bonbonschachtel mit einem blauen Band. Dabei goss ich mir den Mokka aufs Kleid – das kommt davon, wenn man zwischen zwei Herren sitzt.
„Sei nicht so stolz, denn wir sind ja aus einem Holz.“
Alle meinten, das Lied passe so gut zu mir.
„Zwar sind wir nicht aus einem Holz“, sagte Edam.
„Wir sind aus einem Holz, Wichtel“, sagte der andere.
Und Lisa dazwischen: „Dass ich auch gerade Stolz heißen muss!“
Edam stieß mich wieder an und grinste.
Dann sprachen sie von Pferden. Lisa wollte reiten.
„Nummerieren Sie man erst Ihre Knochen“, sagte er rau.
„Wichtel, möchten Sie nicht reiten?“
„Nein“, sagte ich kurz, ohne ihn anzusehen.
Sie verlangten noch dies und jenes von mir: singen, spielen, tanzen. Dann fragte er wieder nach Hannover. Ob ich vor Ostern nicht noch einmal hinführe, wir hätten doch so schön zusammen fahren können.
Lisa wollte alles genau wissen: wann und wie lange ich Ferien hätte.
Einmal, als er vom Meer sprach, sah er mir tief in die Augen. Als wolle er bis auf den Grund meiner Seele sehen.
Auch ihm musste ich das Lied vom Sturm und vom Meer singen.
„Und lieben dürfen wir uns nicht?“ fragte Edam.
„Nein“, sagte ich. Ich setzte die Laute fest auf den Boden und stand auf.
Allen „Gute Nacht“. „Auf Wiedersehen“.
Meine Laute sollte unten bleiben, damit Lotte die Rosette fertig sticken könne, aber diesmal nahm ich sie mit.
Auf dem Flur standen Lotte, Edam und ich.
„Ist es nicht schrecklich mit Lisa?“ sagte Lotte.
„Die hat einen Vogel“, sagte Edam. „Da sind wir doch anders, Wichtel.“
„Dass du mir bald wieder kommst“, sagte Lotte.
Edam und ich gingen durch die Allee nach oben.
War es möglich? Lisa hatte ihm ihre Veilchen ins Knopfloch gesteckt und ihn auf die Stirn geküsst, während er auf meiner Laute übte.
„Der Chef ist ja ein richtiger Lebemann“, sagte Edam. „So ein Mädel wie die kleine Vornehme, hübsch und schwierig, das reizt ihn. Aber doch nicht so was wie die Lisa Stolz.“
Ich musste lachen. Jeder machte den anderen bei mir herunter.
Sein Händedruck war fest und eindringlich. Aber lieber kann ich ihn doch nicht.
Lange stand ich noch vor meinem Bett.
Ich war mir selbst ein Rätsel.
Nachmittags
Lotte alles erzählt. Geweint. Sie wollte mir helfen.
Dann brachte sie mich wieder nach oben.


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