
Dienstag, den 9. März 1925
In Gedanken habe ich von allen schon Abschied genommen. Deshalb musste ich mir noch einmal alles ansehen: das Haus, den Hof, die Scheunen und dort hinten die Gräfenburg, so nah von der Stiege aus.
Fräulein Sprenger hatte mir bei meiner Bewerbung geholfen. Aber mein Herz weinte dabei und war so sehr dagegen, dass ich die Sache schließlich nicht erledigt, den Brief nicht abgeschickt habe.
Was wird aus mir?
Als ich die Steinstufen hinaufging, kam Taulin mir entgegen und sagte: „Eben hat Fräulein Schmidt Sie angerufen. Sie müssen heute Abend auf jeden Fall kommen.“
Dann rief er noch einmal. Ich sprach mit Lotte: „Hedy, warum kommst du nicht? Also bestimmt heute Abend! Man hat schon alles fertig gedichtet, und Edam hat gelernt. Also du musst kommen.“
Bine jammerte: „Du liebst mich nicht mehr. Immer gehst du zu Schmidts und denkst gar nicht an mich.“
Und doch war ich glücklich. So kam ich wieder nicht zum Abschiednehmen.
Mit Blitz und Donner trete ich bei ihnen nie ein.
„Edam wollte dich schon mit seinem Schirm abholen“, sagte Lotte. „Der hätte sich aufgehängt, wenn du nicht gekommen wärst.“
Und dann saß ich wieder bei ihnen. Edam rechts von mir. Er hat ja Adleraugen. Sofort merkte er, dass ich langsam und müde sprach. Er beobachtet fabelhaft.
Edam wollte von meinem Apfel abbeißen – aber das gibt es doch nicht! Dann gab er mir seinen angebissenen. Als ich ihn mir besah, lachte er: „Maul- und Klauenseuche ist vorbei!“
Dann gingen wir ins Musikzimmer, wo geprobt wurde. Dort bekam ich das vom Chef verfasste Gedicht zu hören – von Christian und dem Sturm. Der Chef weidete sich dabei sichtlich an mir; ich merkte es wohl. Lotte hatte mir geraten, mich vorher hinzusetzen. Das war wirklich gut.
Der alte Herr Schmidt wollte sich beinahe totlachen.
„Wie der Alte sich freut“, sagte der böse Dichter, der am Klavier saß und mich dauernd ansah.
Und warum vermied er es eigentlich, mich überhaupt zu berühren, wenn er uns vormachte, wie Edam und ich tanzen sollten? Ich werde aus ihm nicht klug.
Lotte und ihre Mutter waren rührend zu mir. Lottes Kleid war mir viel zu lang, und da setzten sich beide gleich daran, es mir zu kürzen. Edam war mit seiner Rolle zufrieden, und Kurt sah uns strahlend an.
„Wichtelchen, ich muss aber bei den Proben dabei sein, nicht?“
Lange und fragend sahen mich seine Augen an.
„Ja, warum auch nicht.“
Wehe, wenn er mich mit Edam allein lässt!
Dann zeigte ich ihm auf der Gitarre die Begleitung zum Bastlied. Wenn er dabei zu mir aufsah, hätte ich ihn am liebsten küssen mögen, aber ich war doch nicht Lisa.
Edams Kniefall, seine Blicke und Worte. Ich weiß ja, was er will. Aber es quält mich nur.
„Noch wärmen!“ rief jemand, und wir gingen ins andere Zimmer. Ich immer noch in Lottes Kleid. Wir klopften uns warm, während er still im Sessel saß. Was hatte er nur?
Als ich gehen wollte, meinte er, es sei noch so früh.
Oben zog ich mich um und ging dann nach Hause.
„Wir haben eben über Lisa Stolz gesprochen“, sagte Edam. Ich fühlte, wie er nach meiner Hand sah, aber ich konnte sie ihm nicht geben.
Zu Lottes Geburtstag sollten diese netten Mädchen kommen. Der Chef wollte sie am Nachmittag über den Hof führen, damit Lisa endlich die Nase voll bekäme.
Ich dachte daran, wie er sich nach mir umsah, als ich ging. Ich sah ihn nicht an und bin ihm doch so gut!
Aber dieses „Gute Nacht“ – „wenn Gnädigste kann“ – macht mich immer ganz kalt.


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