

Sonnabend, den 13. März 1926
Und es wurde so wunderbar, so selten schön, dass ich gar nicht weiß, wie ich anfangen und wie ich aufhören soll zu erzählen.
Lotte ging um halb sieben fort. Bine wollte ihre Frisur mit dem geraden Scheitel nicht anerkennen. Aber geherzt und geküsst hat sie ihre „Patsche“ doch.
Dann saßen wir bei mir im Zimmer. Ich hätte Bine so gern zur Mami geschickt, aber sie hörte nicht. Und so kam die Baronin nach oben. Ich schlüpfte rasch in mein Ankleidezimmer. Kurz darauf hörte ich nur noch die Tür gehen und beide die Treppe hinunter.
Ich hatte einen heißen Kopf und sah zum Fenster hinaus: ein grauer Märztag. Und doch war ich so froh, denn abends sollte ich ja hinunter.
Dinner – Blitz – aber ich trat nicht ein.
Lotte und Frau Schmidt waren da. Im Musikzimmer rauchte das Ofenrohr. Auch die Cousine Irene war da: groß, kräftig, dunkel, geschniegelt und lustig.
„Wir haben schon viel voneinander gehört.“
Ja, das stimmte wohl.
Dann Anziehen und Schminken. Auch das war lustig. Mein weißes Sommerkleid, eine rote Schärpe, eine weiße Schleife im Haar. Lotte half mir lachend: „Hedy, süß, wie sechzehn Jahre.“
Ich stand im Schlafzimmer der Eltern vor dem Spiegel und freute mich, dann ging ich hinunter.
Ich stand allein am Fenster im Musikzimmer. Dann kamen alle, Lotte holte sie. „Wirklich reizend, ganz reizend!“
Ich knickste und hörte aus allen Stimmen nur seine heraus. Ich sah seine bewundernden Blicke. Dann setzte er sich ans Klavier, und Edam und ich spielten die Szene, wie der Chef sie ihm vorgemacht hatte. Nur dass der Chef meine Arme nicht so gefasst hatte wie der treue Edam.
Edam hatte noch einen Kater und konnte deshalb nicht gut singen. Wir spielten das Ganze zweimal. Beifall!
Links vor dem Klavier saß seine Mutter. Beinahe hatte ich ein wenig Angst, wie sie mich ansah.
Dann schnell nach oben zum umziehen.
Ich lief die Treppe hinauf, da hörte ich die beiden Herren hinter mir kommen.
„Schnell, schnell!“, rief der verrückte Edam noch.
Ich wollte rasch durch das große Schlafzimmer schlüpfen. Da kläffte Jakkeli. Also war der alte Herr schon darin.
Nun war nichts mehr zu machen; jetzt schnappten sie mich richtig.
„Nun, Wichtel!“
„Da kläfft der Hund.“
Ich stellte mich an die Treppe, bereit, hinunterzulaufen.
„Man kann auch hier durchgehen, Wichtel.“
Er stand neben mir und knipste das Licht an. Dann ging er weiter. Wie gut, dass er nicht stehen blieb.
Umgezogen – nun als Stine. Diese Rolle stand Edam glänzend. Ich machte alles zu „graziös“, meinte die hohe Kritik in Gestalt des Chefs.
Dann saßen wir im Herrenzimmer.
Edam bekam seinen Liebeskoller, beugte sich zu mir und wollte seinen Kopf auf mich legen. Au, das konnte ich nicht haben!
„Nun hauen Sie aber auch!“
Er war todmüde und wollte schon mit mir hinaufgehen, aber ich hatte noch gar keine Lust.
„Ich schlage Sie gleich aus dem Anzug!“
Nachdem ich ihm plausibel gemacht hatte, dass ich allein hinauffände, zog er endlich ab. Er fasste meine Hand und wollte sie küssen. Ich konnte nicht anders – ich musste ihm einen Nasenstüber geben.
Alles lachte. Da tat er mir fast leid, weil seine Nase eben erst geheilt war und mein Armband aus Gold.
Dann erzählte der Chef, dass er nun nach Hannover müsse, und fragte mich, was ich dazu meinte: ob er schon Sonnabend oder erst Sonntag fahren solle – und dann solide um fünf wiederkommen, wie seine Cousine Irene es wünschte.
Ich stützte meinen Kopf auf die Laute und sann. Ich sagte nichts. Er mochte tun, was er wollte.
Da rief er mich aus weiter Ferne zurück in die Gegenwart. Die anderen sah ich gar nicht mehr; ich hörte nur seine Worte:
„Wichtelein, ich habe eine sehr große Bitte.“
Das klang so ernst, dass ich ihn ansehen musste.
„Nun?“
„Singen Sie noch ein Lied, ja?“
„Ja.“
„Und darf ich bestimmen welches?“
„Ja.“
Wie hätte ich nein sagen können? Lieber hätte ich sterben müssen. Ich fühlte, er könnte viel mehr von mir verlangen – und ich müsste es ihm geben. Dagegen half kein Zittern.
Wie er bitten konnte!
„Guten Abend, gute Nacht …“
Und weil ich nun einmal im Geben war, sollte er auch gleich mehr haben: ein Stück meines Herzens, meiner Seele. Ich sang das Lied von den vierzehn Geboten und zwei aus dem Freischütz: „Leise, leise …“
Er war ganz still. Verstand er mich nun?
Dann wieder Theater.
Er wollte sich am Mittwoch „Rosenmontag“ im Film ansehen. Ich hatte es ja auch schon gesehen. Einen Augenblick dachte ich, ich würde sagen, dass ich mitwollte, aber das konnte ich nicht.
Dann ging ich.
Er wollte mich mit dem „Trämchen“ nach oben bringen, als wäre ihm der Weg ganz fremd. Er überlegte sogar, ob er mich heimbringen sollte, aber er wagte es wohl doch nicht.
Ich ging los, musste aber noch einmal ganz zurück, denn ich hatte meinen Schlüssel auf dem Tisch liegen lassen. Man wartete schon auf mich.
In der Nacht träumte mir, ich hätte mich mit ihm verlobt.


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