

Montag, den 15. März 1926
Idels Geburtstag. Ihr Schal ist heute fertig geworden.
Was für ein merkwürdiger Tag!
Sonntagabend war ich unten, aber es war langweilig. Nicht so wie sonst. Vielleicht war ich nur müde. Vielleicht hatte er recht, als er mich immer wieder fragte.
„Jammern lässt schön grüßen“, flüsterte er mir ins Ohr. Doch weiter geschah nichts.
Er holte meine Laute, stimmte sie ungefähr und spielte darauf. Dabei sahen wir uns an und lachten. Alles hätte schön werden können, aber dann setzte sich Irenchen auf seinen Schoß, und von da an unterhielt er sich nur noch mit ihr.
Edam wollte mit mir albern sein. Ich lachte nur. Da setzte sich Lotte zu mir auf die Lehne und nahm meinen Kopf in beide Arme. Sie fühlte gleich, dass mir etwas fehlte. Sie kennt mich zu gut.
Edam quälte mich und wollte heimgehen. Weil mich hier ja nichts mehr hielt, ging ich mit.
„Will Wichtel schon weg?“ sagte er und stand auf.
Am liebsten hätte ich ihm meine Meinung über sein Benehmen gesagt. Aber er dachte wohl nur an die Gäste und an sein Cousinchen. Dann brauchte er mich ja auch nicht.
Das Tor war schon zu, und Edam und ich mussten ganz um das Schloss herumgehen.
Heute Morgen wachte ich aus schwerem Schlaf auf. Schwer und traurig. Bine hustete.
Schule. Religion: die Gefangennahme Jesu.
Als ich davon erzählte, von seiner Einsamkeit, seinem Hunger, seinem Gebet, sah ich alles ganz lebendig vor mir. Der Garten Gethsemane wurde für mich der Garten hinter unserem Haus, wo die große Linde steht. Wenn man hineingehen will, muss man über den Bach Kidron und den Ölberg hinauf.
Ich sagte zu den Kindern: „Das ist für mich überhaupt die schönste Stelle: Er ging mit seinen Jüngern …“
Ich sah sie vor mir, wie sie durch den Abend gehen, über den Bach, den Berg hinauf. Die Welt bleibt hinter ihnen zurück – sie sind allein mit ihm.
Und dann geschieht das Furchtbare.
Er, der den Menschen hilft, steht plötzlich allein da. Verlassen, todtraurig und einsam. Mir war, als müsste ich zu ihm laufen, mich neben ihn stellen, meine Arme um ihn legen und mit ihm weinen.
„Was der Herr Jesus wohl in diesem Augenblick denkt?“ fragte mich das Kind.
Ich sagte nach einer Weile: „Vielleicht ist er jetzt bei uns.“
Da wurde mir so wunderbar leicht ums Herz, so froh. Ich musste weinen. Nicht aus Trauer, sondern aus Freude darüber, dass er immer bei mir sein kann.
Das Kind kam zu mir, legte beide Arme um mich, drückte sein Gesicht an meines und wollte mit mir weinen.
Den ganzen Tag musste ich singen. Es ging einfach nicht anders.
Unten zog eine Kompanie vorbei, mit klingendem Spiel. Der Hohenfriedberger Marsch klang zu uns herauf. Mädi und ich saßen am Fenster meines Ankleidezimmers und sahen hinunter.
Offiziere zu Pferde.
Und als sie die Chaussee nach Uslar hinunterzogen, wäre ich am liebsten mitgelaufen. In mir jubelte es: „O du mein Deutschland, mein Heimatland!“
Längst waren sie vorbei, aber die Melodie klang mir noch immer im Ohr.
Da sah ich unten Lotte mit ihrem Cousinchen zum Haus gehen. Auf dem Hof ging er im kurzen Pelz. Er drehte sich um. Ob er mich gesehen hat, weiß ich nicht.
Und mir kam der Gedanke: Er war ja auch einmal Offizier.
Margots Brief: In Finnland wird es Frühling. Sie spürt die Sonne, die Luft, und Sehnsucht erfasst sie. Über das Meer sendet sie mir einen treuen Gruß.
Da dachte ich: Es scheint doch nicht so leicht zu sein, mich zu vergessen.
Nachmittags arbeitete ich an Idels Schal und sang.
Wenn er mich doch vergäße …
Abends saß ich still nebenan.


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