

Sonnabend, den 20. März 1926
„Bine, komm, jetzt Sprachlehre!“
Da – die Soldaten kommen. Bine läuft hinunter, ich bleibe oben am Fenster. Mit klingendem Spiel ziehen sie vorbei – vorbei.
Zwei Damen in bunten Jacken gehen bei Sch. ins Haus.
Am Morgen schon ein Walzer.
Da kommt Kunte hinterher, bleibt bei den Pferden stehen und ruft Edam etwas zu.
Dann Lotte mit dem Jungen auf dem Arm.
Sie ruft und winkt wie wild. Ich winke zurück – da winkt er auch herauf.
„Kommen!“, ruft sie.
„Ja, morgen!“
„Schön!“
Und ich bin so froh, dass ich ihn gesehen habe – dass er gewinkt hat.
Mir ist, als müsste er sich nach mir umsehen.
Um drei fahre ich doch nach Göttingen!
Abends
½ 10. Jetzt warten sie unten wohl nicht mehr auf mich.
Bevor ich zur Bahn ging, musste ich doch noch einmal hinunter. Ihn hatte ich schon mit zwei Damen wegfahren sehen.
Das Mädchen lief gleich hinauf und rief: „Fräulein Oltr. ist da!“
Ich wartete im Flur, denn ich hatte kaum noch Zeit. Da kam Frau Sch. die Treppe herunter, mit dem Jungen. Er gab mir wohl die Hand, antwortete aber auf meine Fragen nur mit „na“ oder gar nicht, obwohl die Großmutter sich alle Mühe mit dem kleinen Kerl gab.
Frau Sch. drängte mich immer wieder, doch abzulegen und noch ein Tässchen Kaffee zu trinken. Sie wollte nicht begreifen, dass ich nach Göttingen musste.
Dann mit Lotte zur Bahn. Sie wollte, dass ich zum Essen bliebe und abends wieder hinunterkäme – aber ich war so müde.
In der letzten Minute kamen wir an. Sogar Pastors waren schon da.
„Dass du mitkommst, Wichtel – sonst hänge ich dich auf!“
Ich sitze im Abteil, fast nur unter Soldaten. Mir gegenüber ein Offizier mit einem süßen braunen Dackel. Als einziges weibliches Wesen werde ich erst einmal von allen scharf gemustert.
Mein Gegenüber ist nicht hübsch, aber von schneidiger Figur. Ein eiserner Kranz im Gesicht, ein nervöses Zucken – ich habe schon einmal so ein Gesicht gesehen, wenn ich nur wüsste, bei wem.
Der Hund ist zu süß. Und wie lieb er ihn streichelt, wie gut er mit ihm ist! Da muss ich fragen, wie alt er sei. Fünf Monate. Ob er alle Manöver mitmache?
Immer wieder liebkost er den Hund, hält ihn warm in seinem Mantel.
„Gleich sind wir zu Haus.“
In Göttingen steigt er mit mir aus, hält sich dicht hinter mir, setzt dann den Hund auf die Erde – so, dass ich es sehen muss.
Am Bahnhof liegen Hilde und ich uns sofort in den Armen. Dann gehen wir los.
Es ist ein seltsames Gefühl. Alle fahren fort – die einen nach München, die anderen nach Marburg.
„Ach, alles zerstreut.“


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