


Freitag, den 26. März 1926
Es ist halb zwei. Bine liegt mit Fieber im Bett. Sie ist schon wieder krank. Der Baron ist in furchtbarer Laune. Und gestern… Nein, was war das für ein Tag! Wenn ich jetzt daran zurückdenke, muss ich lachen: alles so komisch, herrlich schön, traurig und wieder schön.
Wenn nur die Sonne nicht so grell in mein Zimmer schiene. Frau Schmidt ist mit ihren beiden Töchtern zum Friedhof gegangen. Ich sah es und dachte, könnte ich doch mit.
Weiland rief mich, als ich eben die Mauer entlanglief. Ich erzählte ihm von Bines Krankheit. Da rief der Baron plötzlich: „Fräulein Oltrogge, was macht Sabine?“
„Sie schläft“, rief ich nur. Nun verhandelt Mädi mit ihm, damit er mich nur in Ruhe lässt.
Nun von gestern.
25. März.
Lottes und Wallys Geburtstag. Was für ein Trubel, ein Kommen und Gehen, ein Jubel und Lachen, verstohlene Blicke, ein Ausweichen, ein Sich-Entziehen, ein Fragen ohne Ende.
Nach Tisch, als Bine schlief, ging ich zu Fräulein Sprenger, Annoncenzeitung usw. Nachmittags wurde Bine warm eingepackt. Dann ging es mit all unseren Sachen hinunter.
Wir standen noch im Mantel, da kam das Auto mit Freund Reifel. Ein rechter Lümmel. Viel älter als wir, aber sonst ganz anständig.
Die große Kaffeetafel: Bine und Liesel Stolz neben mir, gegenüber Kurt, Lisa Stolz, Wally. Ein wenig getanzt. Bine drängte ständig. Sie wollte mit Kurt tanzen, Edam sollte mit mir spielen. Doch er hatte bis sechs Dienst. Als er kam, mussten wir bald wieder hinauf.
Ich sollte unbedingt zum Abendessen wiederkommen. Oben weinte Bine. Es war ihr furchtbar. Aber diesmal musste ich gehen. Ich kam zu spät, Edam führte mich am Arm hinein. Ich entschuldigte mich, dann wurde gegessen, getrunken. Ich war fröhlich, obwohl er am anderen Ende saß. Wir tranken einander zu. Ich alberte mit dem Nachbarn, während Lisa dort saß. Dieses unglückliche Wesen.
Musikzimmer. Tanz. Blicke. Nur einmal tanzte ich mit ihm, viel mit Edam. Der wurde zudringlich, wollte mich küssen, seine Lippen „dursteten“, sagte er. Ich spürte zu oft seine Hände, aber ich war nicht wie Lisa, die sich küssen ließ und ihm ein Liebeslied sang.
Später zogen wir uns oben um. Ich stand im weißen Kleid, Lotte band mir die Schärpe. Edam kam herein und wollte schmusen. Ich gab ihm lachend eine Ohrfeige. Auch Kurt kam. Ich sah ihn kaum an. Aber ich war hübsch und wollte spielen.
Mit Schleife im Haar ging ich hinunter. Herr Schmidt spielte, Lotte öffnete die Tür. Wir sprangen hinein. Wein, Musik, Stimmen: „reizend“, „entzückend“. Wir spielten. Edams Hände hielten mich fest. Die Blicke aller. Er drehte sich am Klavier um, sah mich an.
Zu Ende. Verbeugen. Lachen.
Ich ging allein hinauf, setzte mich in den weißen Sessel und musste erst Atem holen.
Lisa kam, fragte nach meiner Laute. Sie wollte singen. Später stand sie im Bauernkostüm, aufgeregt, mit roten Wangen. Kurt kam herein. „Ich singe ein Lied für dich“, sagte sie.
Ich sah auf meine Laute und stimmte sie krampfhaft. Dann sang sie. Ihre Liebe lag offen in jedem Blick. Es war beinahe unerträglich. Man klatschte. Ich lachte mit und schämte mich meines Lachens.
Wieder Tanz. Wieder Spiel. Wir spielten noch einmal. Diesmal besser. Alle waren zufrieden. Ich blieb im Kostüm, sprach lange mit seiner Mutter. Wie gut sie zu mir war. Auch der Alte hielt meine Hand fest und wollte sie nicht loslassen.
Später wurde es schwül. Ich bekam kaum Luft. Ich sah die Tanzenden, und plötzlich kam Sehnsucht nach Weite über mich. Nach Heide, Bergen, freier Luft. Edams Nähe stieß mich ab.
Ich wunderte mich, dass mir sein Verhalten gar nicht weh tat. Glaubte ich vielleicht doch, dass er mich liebte?
Nur einmal kam er zu mir, als ich mit Lotte stand. Er fasste meinen Arm, sah uns an und fragte, ob wir uns gut amüsierten. Ich sah ihn lange an.
Dann wurde es mir zu viel. Ich sagte zu Lotte: „Ich gehe heim. Allein.“
Auf dem Flur wollte Gerlerding mich festhalten. Ich wehrte mich. Er ließ mich los, erschrocken über meinen Abscheu.
Draußen ging ich allein den Berg hinauf. Halbwegs blieb ich stehen. Über mir der Mond, rings Nebel. Die Welt verschwommen. Ich faltete die Hände, um nicht ganz allein zu sein.
Wie lange ich dort stand, weiß ich nicht.
Dann hörte ich ein Auto. Wohl Gerlerding mit Lisa.
Mein Herz war frei. Ich konnte wieder aufatmen.
Abends 26.3.
Heute Nachmittag bin ich noch einmal hinuntergelaufen. Ich musste reden.
Natürlich traf ich ihn gleich auf dem Hof. Er lachte: „Guten Tag, Wichtel!“
Ich lachte auch und erzählte von Bine.
Dann gingen wir gemeinsam über den Hof. Oben standen Wally und die Mutter, unten spielte das Kind.
Ich lehnte mich an die Wand. Alle sahen mich an. Da fiel mir auf, wie ähnlich sie einander sind. Lotte, die Mutter und Kurt. Wie gut sie alle zu mir sind.
Im Haus saßen noch alle beisammen. Ich musste Kaffee trinken. Edam war ganz außer sich, dass ich gestern so plötzlich gegangen war.
Lisa war tatsächlich mit Gerlerding gefahren und hatte Kurt beim Abschied vor allen geküsst. Es ist alles so verworren.
Wie soll das nur werden?
Dann fuhren sie fort. Lotte brachte mich nach Hause.


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