
Montag, den 29. März 1926
Der Tag fing furchtbar an. Der arme Hänsemaus ist tot. Die Katze hat ihn gefressen. Ich kann sie heute nicht streicheln.
Bine ist mit Mädi in der Sonne. Mir ist nicht gut. Ich glaube, ich werde krank. Masern oder etwas anderes. Ich will zum Arzt.
Gestern Nachmittag war Lotte oben. Wir saßen alle in Mädis Zimmer. Roland Mühlendahl gefiel mir wieder sehr. Später sagte Lotte, ich solle abends mit der Laute nach unten kommen. Hans Reifel wolle mich so gern hören. Er mochte mich überhaupt gern. Und das war doch sein Freund.
Schweren Herzens ließ Bine mich gehen. Sie betete: „Lieber Gott, gib doch, dass Wichtel bald wiederkommt.“
Unten im Musikzimmer: Licht, Lachen, Scherzen. Man war gerade dabei, den Brustumfang zu messen. Als ich hereinkam, nahm Herr Schmidt mich gleich vor.
Dann saßen die Herren für sich und die Damen für sich.
Lotte war traurig, das merkte ich wohl. Wir gingen hinaus, um meine Laute zu stimmen.
Dort waren wir allein. Da weinte sie. Ich konnte ihr nicht helfen. Edam störte uns, und Lotte lief hinauf.
Wieder musste ich singen: all meine Löns- und Heidelieder, vom Kornfeld und vom Wind, von den roten Wolken und den roten Rosen. „Singt die Wichtel nicht niedlich?“, fragte er, und alle stimmten zu.
Alle waren nett zu mir. Reifel nannte mich immer „Wichtelchen“, saß dabei aber bei der roten Ise, schmuste und tanzte mit ihr. Edam wollte mich als „Stine“ immer wieder küssen. Wir spielten beide Stücke noch einmal. Ich tat es lachend und mit Freude.
Und doch bleibe ich ihm ein Rätsel. Immer noch. Was soll ich nur anfangen?
Lotte sagte: „Du bist ein ganz besonderes Mädel, ganz anders als die anderen. Wie vor vierzig Jahren.“
Ist das wahr?
Wenn er wirklich – wie er selbst behauptet – Ähnlichkeit mit Edam hat, dann müsste er mich doch auch gern mögen. Edam und ich bekamen als „Künstlerpaar“ besonderen Beifall. Alle sahen uns zu.
Er stand am Grammophon und beobachtete mich scharf. Ich fühlte es. Aber ich konnte ihm keinen Blick zuwerfen.
Dann wandte er sich ab und ging zu Ise.
Nicht einmal hat er neben mir gesessen. Nur als ich ihm E-Dur zeigen sollte, kam er zu mir. Doch auch da sah er mich nicht an.
Wüsste ich doch, ob er mich liebte.
Worte, Rätsel, Spiel. Beim Raten musste jede etwas bestimmen. Ise fragte mich: „Wo ist es?“
Ich sagte: „Überall und nirgends.“
„Wichtelchen, warum sagt ihr nicht in Hannover?“ Ich antwortete nicht. Weiß er es denn immer noch nicht? Ach, es ist zum Verzweifeln.
Einen Solotanz tanzte ich mit ihm. Das war schön. Edam redete dazwischen: „Stine, du sollst nicht mit solchen minderen Männern tanzen!“ Wir lachten nur. Es war herrlich, und alle sahen uns zu.
Als es Zeit war zu gehen, fragte er: „Wichtelchen, sollen wir dich nach Hause bringen?“
„Ja, nur zu.“ Doch als es darauf ankam, wollte Irene nicht mit, und schließlich sagte er zu seinen Freunden und zu Lotte: „Na, dann bringt ihr sie man hin, ich tanze noch.“
Ich habe ihm nicht „Gute Nacht“ gesagt.
Ich wünschte, ich wäre mit Hänschen gestorben.
Eben kam er vom Feld geritten, sprang ab und ging schnell ins Haus. Der kleine Wolf hat Geburtstag. Aber ich gehe heute nicht hin.
Donnerstag fahre ich ab. Zwölf Tage Ferien. Und wir sind noch immer keinen Schritt weiter.
Was soll ich machen? Oh Gott, hilf mir doch.


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