Am Rand der Dinge

2–3 Minuten

Dienstag, den 30. März 1926

Roland Mühlendahl fährt um 15:10 Uhr wieder ab. Wir haben heute nach der Schule und eben nach Tisch bei mir Mah-Jongg gespielt.

Bine war selig. Sie sagte zu mir: „Du, ich hab so ein Gefühl. Ich möchte ihn heiraten. Wäre ich doch groß, dann könnte ich sagen, wir wollten uns verloben. Oder muss das der Mann sagen?“ Ich sah sie an und musste lachen: „So einfach ist das nicht. Du musst als Mädchen warten, bis er es sagt.“

„Aber Mädi hat gesagt, er liebt mich. Dann kann ich es ihm doch sagen!“ So quälte sie mich.

Ich kann verstehen, dass sie ihn liebt: so groß und gut, so sehr Kavalier, so hübsch.
Diese dunkle Stimme, und wie er hinter Worten und Lächeln etwas verbirgt.

Im Servierzimmer fragte er mich, während ich der Katze Futter machte: „Finden Sie, dass Tammy gut gewählt ist?“ Dann sagte er, sein Kater bekomme oft drei Tage lang nichts zu fressen. Ich musste denken: Tammy nicht, aber er?

Beim Frühstück leistete er mir Gesellschaft. Er wunderte sich, dass Pferde und Auto kaum benutzt werden, wozu sie denn sonst da seien. Ja, darüber haben sich schon viele gewundert.

Ganz klug werde ich aus ihm nicht. Jedenfalls: Mädi liebt ihn nicht und nach ihrem Beispiel wohl auch er sie nicht.

Er meint, Bine sei ein ganz eigenartiges Kind, und fragte, ob es schwer sei, sie zu unterrichten. Er selbst, sagte er, könne nichts, aber das glaube ich ihm nicht.

Mehr und mehr komme ich zu der Überzeugung, dass man sich auf einem solchen Schloss wohl gewöhnen kann: fern vom Gewühl der Menschen, ruhig, beinahe glücklich.
Aber es ist kein wirkliches Leben. Nur ein Leben im Traum.

Die Menschen kommen plötzlich und verschwinden ebenso wieder. Nichts dringt bis ins Herz. Alles ruht, als schliefe es tief. Man beginnt schon zu vergessen, dass einer einmal da war.

Warum sollte man es auch wecken? Dieses Erwachen tut weh.

Sie tanzen, lachen, schäkern mit anderen. Sehen mich dann an und lachen, weil es ihnen Freude macht, mich zu reizen. Und wenn man mit mir tanzt und ich den Kopf ein wenig abwende, beugt man sich gleich wieder zu mir und fragt: „Aber Wichtelchen, was ist denn?“

Und dabei regnet es immer.

Übermorgen fahre ich ab. Gestern bin ich nicht unten gewesen, heute gehe ich wohl auch nicht hin. Er ist sicher lieber mit den anderen zusammen, die er besser versteht als mich. Die nicht sind wie aus einem anderen Jahrhundert.

Und doch verstehe ich nicht, wie Edam in mich verliebt sein kann, wie Reifel mich gern haben kann. Warum? Wenn ich doch immer nur am Rand bleibe.

KI generiert

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar