Geheimnis der Mauer

2–3 Minuten

Karfreitag, den 2. April 1925 – Hannover

Idel liest, Hermann ist tagsüber fort. Wir beide haben einen herrlichen Spaziergang gemacht: über den Friedhof, wo Drosseln und Buchfinken jubelten, wo alles leuchtete und die Sonne so warm schien, dass einem selbst im Wintermantel zu heiß wurde.
Wir haben den Pilger von Dannemann besucht und später lange auf einer Bank gesessen, die Gedanken schweifen lassen.

Bei solchem Wetter erwacht in mir immer wieder diese Sehnsucht. Wohin? Wohin?

Hermann ist ganz anders geworden: rührend gut, versteht sich mit Idel glänzend. Alles ist zur Freude. Nur Adolph hat wieder kein Geld geschickt. Hermann bleibt über Ostern hier, fährt nicht nach Riethagen. Dann bin ich nicht allein. Wenn es Idel nur besser ginge.

Gestern Nachmittag haben Hermann und ich zusammen eingekauft. Es war so nett. Morgen geht er wieder mit mir los. Heute früh habe ich in der Küche den alten Brenneke gesehen. Gleich gehen Idel und ich zum Abendmahl.

Wie merkwürdig, dass gerade an Karfreitag so oft solch schönes Wetter ist. Am zweiten Feiertag lade ich alle meine Freundinnen ein.

Der letzte Tag in Adelebsen war wunderschön. Bine bekam ihr Zeugnis und ging nach der Schule mit ihrer Mutter in den Berggarten. Ich lief schnell – damit mich niemand sah – zu meinem Lieblingsplatz im unteren Lustfeld, setzte mich auf die Mauer und fragte ein Gänseblümchen, ob er mich liebe. „Von Herzen.“

Da hörte ich Hufschlag auf dem Hof. Ich beugte mich tief nach vorn. Ein Pfeifen. Ich hörte nichts. Noch einmal, lauter, fast befehlend. Da sah ich mich um. Jemand zog den Hut.

Die ganze Luft war Sonne, Lachen, Leben, Frühling. Was wir sprachen, war einerlei. Von Bine, vom Sommerhut, von irgendetwas Belanglosem. Die alten Schlossmauern mögen verwundert zugehört haben. Und ich dachte: Das also war das Geheimnis, das mich immer hierher zog.

Mit Muschka auf dem Arm lief ich die Mauern entlang nach oben. Am Nachmittag packte ich. Danach ging ich noch für eine halbe Stunde zu Lotte hinunter. Sie bedrängte mich: Wenn ich am nächsten Tag schon fahre, müsse ich abends noch einmal mit der Laute kommen. Ich ließ es offen.

Wieder oben beim Packen sah ich, wie er mit zwei Damen im Wagen vorfuhr und gleich darauf wieder fortfuhr. Als sie erneut zurückkamen, stellte er das Auto vor und ging ins Haus.

Ich dachte nur: „Also gut. Wenn ihr jetzt noch fortfahrt, komme ich ganz gewiss nicht mehr.“

Und dann geschah etwas Seltsames: Das Auto fuhr nicht mehr los.

Warum? Hatte Lotte gesagt, dass ich komme?

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