
Sonnabend, den 10. April 1926
An Lotte geschrieben. Mir ist, als stünde nun mein Todesurteil oder mein Glück bevor. Erst jetzt wird sich zeigen, ob man mich dort wirklich lieb hat oder ob alles nur äußerlich war.
Käthe und Hermann sind in der Stadt. Morgen kommt Marie, Montag Adolph und Thyra. Wenn ich nicht besser bin, bleibe ich zu Hause.
Könnte ich doch einmal wieder ganz frei von diesem Kram sein! Ich wollte jauchzen, fröhlich sein, singen und springen ohne Ende… Aber wenn jetzt manchmal solche Freude über mich kommen will, denke ich: „Nein, noch nicht, erst musst du ganz gesund sein.“
Es schlägt sechs Uhr. Feierabend. Ich stehe am Fenster und sehe die Gespanne nach Hause kommen. Edam geht die Treppe zum Spenher hinauf, der Chef liegt rechts. Durch die Pforte geht er mit langsamen Schritten. Er braucht auch keine Angst zu haben.
Warum, oh Gott, muss ich diese Krankheit haben? Die Glocken läuten den Sonntag ein. Was erzählen sie mir? Dreiklang – Harmonie – Friede.
Die Drossel, die eben noch sang, ist schlafen gegangen. Mein Herz, du schlafe auch.
Vielleicht holt er jetzt meine Gitarre. Vielleicht spielt er. Ich sehe ihn da sitzen, sich abmühen. Seine großen Hände, die eben noch das Schaumtor zuschlugen, als wäre es ein Kinderspiel, liegen nun auf den Saiten und zupfen hin.


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