Das Projekt Tagebuch

Wie alles begann

Alles begann mit einem Unikurs im Sommer 2020. Im Rahmen eines Seminars zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sollten wir uns in die Lage versetzen, wie es ist, eine ganz unbekannte Schrift zu lesen und zu schreiben. Dafür bekamen wir Texte in Sütterlin. Eine alte deutsche Schrift, die heute für viele wie eine Geheimschrift wirkt.

Schon als Kind hatte ich eine Schwäche für Geheimschriften. In einem alten Tagebuch schreibe ich unter anderem 2008 davon, dass ich mir mit einer Freundin eine Geheimschrift ausgedacht habe, in der wir uns Nachrichten schreiben konnten. Deswegen faszinierte mich die alte Schrift sofort, und ich begann, sie zu üben. Im Juni 2020 fing ich ein eigenes Tagebuch auf Sütterlin an, aber habe leider nicht lange durchgehalten. Selbst das ist gar nicht mehr so leicht zu entziffern. Es ist gar nicht so leicht in Sütterlin zu schreiben. Probiert es doch selbst einmal!

Ein Ausschnitt von einem aufgeschlagenem Buch. Die rechte Siete zeigt das Sütterlin Alphabet und links sieht man abgeschnitten einen Tagebucheintrag vom Juni 2020 in großen Sütterlin Buchstaben.
Sütterlin Übung – Helene 2020

Ein Schatz aus dem Keller

Als ich meiner Mutter von diesem Experiment erzählte, wurde sie hellhörig. Sie verschwand kurz darauf im Keller und kam mit einem alten Tagebuch zurück. Es war klein, die Schrift winzig und kaum lesbar. Meine Mutter hatte es beim Ausmisten in der Wohnung ihrer Eltern gefunden und entschieden es zu behalten – zum Glück! Leider konnte sie es nicht entziffern und auch Freunde und Familie hatten keinen Erfolg. Das Einzige, was sie über das Tagebuch wusste, war, dass es in Sütterlin geschrieben ist und wahrscheinlich ihrer Großtante Käthe gehörte. Das Interesse mehr herauszufinden war begrenzt, da es so schwer zu lesen ist. Ich stellte mich aber der Herausforderung und übersetzte schwerfällig die ersten Seiten. Schnell zeigte sich: Das Tagebuch konnte nicht von Käthe stammen. Auf einer der ersten Seiten fiel der Satz „meine Schwester Käthe“. Da konnte es nicht Käthe selbst Geschrieben haben sondern einer ihrer Geschwister: Adolph, Hermann (mein Uropa), Hedwig oder Marie. Nach weiterem Lesen und vielen Gesprächen war klar: Das war das Tagebuch von Hedwig!

Zwei Tagebücher, ein faszinierendes Leben

Als meine Mutter ihrer Schwester von unserem Fund und meinem Interesse daran erzählte, durchsuchte sie ihre eigenen Unterlagen und entdeckte ein weiteres Tagebuch von Hedwig. Leider hatte meine Cousine es als Kind in die Hand bekommen und ein paar Seiten künstlerisch gestaltet, aber zum Glück kann man noch alles Lesen. Nach kurzem durchblättern war klar: dieses Buch hat Hedwig mehr als 10 Jahre vor dem anderen Tagebuch geschrieben. Da ich chronologisch arbeiten wollte, wechselte ich zu diesem Buch. Es zog mich sofort in die Welt einer 23-jährigen Frau, mit der ich mich überraschend gut identifizieren konnte. Hedwig war in Hannover bei ihrer Tante aufgewachsen und gerade mit der Lehrer-Ausbildung fertig geworden.

Die Idee eines Blogs

Nachdem ich erste Seiten übersetzt hatte, las ich sie meiner Familie vor und verschickte sie an meine Großtanten. Diesen hatte ich schon früh vom Tagebuch erzählt, da sie die nächsten noch lebenden Verwandten sind. Viele Familienmitglieder und Freunde zeigten Interesse an der Geschichte von Hedwig. Was möglicherweise auch daran lag, dass ich besonders die Passagen vorlas und teilte, die wunderschön geschrieben sind und in eine vergangene Welt entführen. Natürlich gibt es auch Einträge, in denen nicht viel passiert oder die sehr kurz sind. Es ist und bleibt ein Tagebuch, das nie für die Öffentlichkeit gedacht war. Allerdings entstand durch das Interesse schnell die Idee, Hedwigs Tagebuch für alle zugänglich zu machen. Gemeinsam überlegten wir, welche Möglichkeiten es gab. Schnell entschied ich mich für den Blog. Ich finde die Idee schön, die Tagebucheinträge exakt 100 Jahre nach ihrem ursprünglichen Entstehungsdatum hier zu veröffentlichen.

Wie das Tagebuch hier erscheint

Um den Lesefluss zu erleichtern, passe ich die Rechtschreibung, Punktation und Absätze leicht an. Das Original ist trotz Wortgetreuer Übersetzung weiterhin schwer verständlich, da Hedwig es als Tagebuch nur für sich selbst geschrieben hat. Es liest sich sehr unterschiedlich: manchmal detailreich und ausschweifend, manchmal knapp und fragmentarisch. Hedwig liebte außerdem lange Kettensätze mit vielen „& “, bei denen man am Ende des Satzes den Anfang vergessen hat. All das wird leicht abgeändert. Ich versuche den Inhalt jedoch so gut es geht unverändert zu lassen.

Bitte nicht vergessen: Die Personen, die Hedwig auf ihrem Lebensweg begleitet haben, sind keine erfundenen Figuren, sondern echte Menschen, die vor 100 Jahren lebten und Hedwigs Welt prägten. Wahrscheinlich gibt es von vielen noch lebende Enkel oder Urenkel.

Mit diesem Projekt möchte ich Hedwigs Stimme wieder hörbar machen, ihre Erlebnisse teilen und gleichzeitig einen Blick in eine vergangene Zeit werfen, die uns vielleicht näher ist, als wir denken. Für mich ist Hedwigs Tagebuch eine einzigartige Gelegenheit, einen authentischen Blick auf die Welt im Jahre 1925 zu werfen – und das aus der Perspektive einer ganz normalen jungen Frau. Mir war vorher schon die Familiengeschichte und Ahnenforschung wichtig, aber dass ich etwas so Persönliches aus der Familie finde, war eine besondere Überraschung. Dass sie auch Lehrerin war, macht das Projekt für mich, als Lehrerin, noch besonderer.

Was erwartet ihr von dem Tagebuch? Wie stellt ihr euch das Leben vor 100 Jahren vor? Und was wisst ihr über diese Zeit?