Tanz, Lachen und Mondlicht

2–3 Minuten
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Donnerstag, den 2. Juli 1925 – Adelebsen

Das war Göttingen, das war „Mariaspring“! Bei herrlichem Sonnenwetter standen wir auf, da konnte ich nur mein gutes weißes Kleid anziehen.

„Wenn Fräulein Kahle dich so sähe, würde sie sagen: wie vornehm“, sagte Bine.

Dann ging’s Arm in Arm die gewundene Treppe hinunter zum Frühstück.

„Schon im Tanzkleid“, begrüßte mich Herr Schmidt.

Dann brachte Bine mich zur Bahn. Dort, wo die Straße fast einen rechten Winkel bildet, lagen Zigeuner. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm rief uns an und meinte dann wohl, ich wäre die gnädige Frau vom Gut – und dabei hatte ich doch nur vor drei Minuten dem künftigen Gutsherrn versprochen, den Daumen zu halten.

In Göttingen, der Studentenstadt, war Hilde nicht an der Bahn. Sie wollte gerade an mir vorbeiflitzen, da erkannte ich sie zum Glück. Und nun ging’s lustig weiter: einige Besorgungen gemacht, Hildes Vater in der Dresdner Bank besucht und bei Braue & Lanz in einer reizenden Nische Schokoladeneis gegessen und geklönt.

Um halb zwei trafen wir uns mit ihrer Gesellschaft am Auditorium – und dann die herrliche Wagenfahrt bei glänzender Stimmung durch die Sommerwelt: Weende, Bovenden, Mariaspring. Ich weiß nicht, wie ich die Stimmung wiedergeben soll – so kann’s nur dort und nur mit Studenten sein. Notizbuch, Schießbude, Tanz, Tanz, Lachen und Tanz.

Immer wieder ging es durch die engen Reihen hinunter zum Tanzboden – und alles fremde Menschen – und man fühlte sich so dazugehörig und so jung wie sie. Denn die meisten waren nicht viel über zwanzig. Ich sehe noch das entgeisterte Gesicht von Hellmut Welke vor mir, als ich ihm ahnungslos erzählte, dass ich Lehrerin wäre. Er war zweifellos verschossen und machte dann doch ein solch entsetztes Gesicht, dass ich laut lachen musste.

Am besten tanzte jedenfalls H. Riger. Nur presste er meine arme rechte Hand oft zu sehr und sah einen durch die Hornbrille zu lange und zu tief an. Er setzte es ja dann auch durch, dass wir telefonierten – ich könne erst am Morgen zurück. Und als wir das vollbracht hatten, tanzten wir wieder. Hilde könnte sich für den begeistern, in dem Maße – ich nicht.

Aber Hilde und Herr Stolte, Theologe – das war ein Paar! Ich hätte mich totlachen können.

Und dann, bei Vollmond, ging es per pedes nach Göttingen zurück. Es war herrlich, nur meine armen Füße! Halbtot kamen wir bei Hilde an. Ein Händedruck – und wir sehen uns wieder! Dann die Treppe hinauf, Bett überzogen, und ins Bett – aber an Schlafen war bei mir nicht zu denken.

Halb war ich noch in Mariaspring. Meine Füße tanzten, mein Mund lachte – aber mein Herz hatte bei keinem schneller geschlagen. Nur wenn ich an die weiten, wogenden Kornfelder und an Wald und Jagd und an einen dachte, dem dies alles heute untertan wurde, dann kam so etwas wie freudige Angst ins Herz. Ich zitterte und konnte nicht einschlafen.

Hilde brachte mich am Morgen an den Zug, und um halb neun war ich wieder hier. Reizend empfing mich die Baronin, nachdem Waldi mich als Erster begrüßt hatte. Herr Schmidt hatte mit einem Herrn zu verhandeln – er sah mich wohl nicht, als er die Tür aufmachte.

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