Die Reise ins Märchenland

2–4 Minuten
Seite 22

Dienstag, den 7. Juli 1925

Zurück aus Hannover.

Am Sonnabend fuhr ich mittags weg.

Bine und ich kamen etwas nach neun die Treppe herunter, unten warteten Tante Ilse und Herr Schmidt auf den Tee, den die Tante aus Furcht vor ihrer Nichte Mädi nicht zu machen wagte. Ich übernahm es also.

Bald stellte sich auch die andere Gesellschaft ein, sodass alle vollzählig waren, als ich mich später verabschiedete.

„Sie haben es gut, Fräulein Oltrogge“, meinte er, als ich mich über die Teekanne beugte und die Tante von meiner Reise nach Hannover sprach.

Dann holte ich noch für Hänschen grünen Salat und reichte jedem zum Abschied die Hand. Alle wünschten mir viel Spaß – nur er nicht.

In Hannover habe ich von allem erzählt, nur nicht von dem, was mich am meisten gefreut hatte. Denn Idel darf keine Enttäuschung mehr erleben. Dieses Mal will ich es ganz allein tragen. Nur mein Tagebuch soll es wissen.

Oft bin ich ärgerlich auf mich selbst – ich kann diesen fremden Menschen doch unmöglich schon lieben. Nur: er imponiert mir. Die Sicherheit und Kraft, die von ihm ausgeht, und dabei dieses freie, fröhliche Wesen – das zieht mich an. Aber das ist doch alles noch keine Liebe. Und komisch ist, dass ich seit dieser Zeit gar nicht mehr an Rudolf denke.

Ich stieg hier gestern mit dem Gedanken aus: Vielleicht triffst du ihn. Aber der einzige, der mich begrüßte, war Waldi – und dann Herr Weiland.

Gestern fühlte ich mich erst toteinsam. Die ganze Welt schien mir ohne Freude, ohne Licht. Als Bine im Bett lag, besuchte mich Mädi. Und anhand meines Albums hat sie mein Leben kennengelernt. Ich fühle mich ihr gegenüber gar nicht unfrei. Ich kann ihr ohne Weiteres vertrauen.


Und dann kam von den Bergen herab die Nacht mit einem Nebelschleier über den Armen. Noch soeben konnte man unten die Straße erkennen, die ins Nebelmeer hinausführte. Die Lichter aus der Kolonie leuchteten. Ich dämmere, lausche, schaue – und kann mich nicht trennen.

Sind das noch die Berge mit den Kiefernwäldern? Sind das noch die weiten Felder, auf denen tagsüber die Leute vom Gut arbeiteten? Nein – das ist das Märchenland, das meine Seele suchte. Und nun wandert sie dort drüben. Im langen weißen Gewand wandelt sie hinein in die Märchenwelt und holt sich die Kraft, in dieser Wirklichkeit weiterleben zu können.

Die äußere Welt ist wie gestorben. Von dorther kommt ein Zug. Er kriegt den Weg, der in mein Märchenland führt. Will er mir Grüße aus der Welt dort bringen? Mit einem Lächeln hört es meine Seele. Dann flammt in der Nebelwelt ein anderes, helles Licht auf und nimmt mich gefangen.

Einsam und doch glücklich wandert meine Seele. So voll von einem inneren Erleben müssen – einmal muss das Glück auch zu mir kommen. Aus der Wirklichkeit heraus in meine Märchenwelt.

Da kamen leise Töne, Orgeltöne und weiche Stimmen an mein Ohr. Unbeschreiblich wird mir zumute.

Als ich erwachte, konnte ich mich erst gar nicht zurechtfinden. Diese merkwürdigen Träume – und dann sah ich in meinem Ankleidezimmer wieder aus dem Fenster die Märchenstraße entlang. Und da kommt ja der Märchenprinz angeritten – nicht wild und stürmisch, sondern langsam, Schritt für Schritt. Sehen mich seine blauen Augen? Ich stehe unverwandt. Ich hätte vielleicht winken sollen.

Aber es sollte mein eigenes Märchen bleiben. Ich weiß nicht, ob er schweigen kann – und ob er Märchen verstehen kann.

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