


Mittwoch, den 9. September 1925
Ein Freudentag war dieser Montag. Und heute ist schon Mittwoch.
Am Sonntag bei Fräulein Sprenger war es auch sehr nett. Nach dem Mittagessen machte ich mit Fräulein Stricker (groß, dunkel, hübsche Augen, eher schwermütig, dachte sie wäre 25, ist aber 30 Jahre alt) und Fräulein Sprenger einen Spaziergang durch die Gegend.
„Wenn man das Gut da hätte“, meinte Frl. Stricker.
Lachend sagte ich: „Ja, und Auto und Pferde.“
„Fräulein Oltrogge, angeln Sie sich doch den vom Gut, der ist doch noch zu haben“, meinte Fräulein Sprenger. Ich dachte mir nur: „Wenn die wüsste…“
Dann wollten wir in ihrer Junggesellenbude Kaffee trinken, da kamen noch Fräulein Pries (Tochter eines Hauptlehrers, groß, blond, etwas allgemein, aber lustig und redselig, Hilde Mahrenholz sagt, sie sei männertoll) und eine ältere Dame aus Möhringen dazu, die dort ein Hutgeschäft führt und den Lehrerinnen wie eine Mutter ist. Am Abend waren Fräulein Sprenger und ich allein und hatten ein lukullisches Mahl: Ölsardinen, Eier, Tomaten, Käse. Die Möhringer mochten mich sehr gern, und ich sie auch.
Als ich am Abend den Stieg hinunterging, tauchte am Horizont in Richtung Wieneke der Mond auf. Wolken zogen darüber hinweg, und ich stand und sah und sann…
In der Nacht träumte ich von meiner Mutter. Sie trug ein schwarzes Kleid und war wieder da, damit wir noch einmal ihre Nähe spüren und ihr liebes Gesicht sehen konnten. Noch ganz im Bann dieses Traumes wachte ich auf.
Nach der Schule wollte Fräulein Jule mit uns Pilze suchen. Damit Waldi nicht mitkam, liefen wir hinten herum. Sepp an der einen, Bine an der anderen Hand.
„Ganz langsam gehen“, sagte Bine mit einem Mal. „Herr Schmidt kommt mit dem Wagen hinter uns her.“
„Ach, lass ihn doch, wir gehen weiter…“
„Nein!“
„Doch!“, nur schwer konnte ich sie mitziehen, aber sie bekam doch ihren Willen. Da kam den Herr Gutspächter. Das Auto fertig. Ich wollte mit einem Gruß vorbei, da sagt Bine: „Wir kommen bald.“
Und schon kam er auf uns zu. Ich musste mit zurückgehen und ihn begrüßen. Er sah noch genauso aus. Er fand es „sehr ordentlich, dass ich wieder da war“. Dann kam Lotte Schmidt und wir sollten am Nachmittag zur Schaukel kommen. Ob ich mit nach Göttingen wolle? Nie habe ich so wenig Pilze gefunden wie an diesem Morgen.
Beim Kaffee war Bine schon ganz aufgeregt vor Freude: „Wenn es nur nicht regnet.“
Es stipperte etwas, deshalb gingen wir erst zu Pastors, aber Bine drängte: „Jetzt müssen wir aber zu Schmidts, nun komm doch endlich.“
Was Pastors nur gedacht haben müssen. Endlich gaben wir nach und schon nach 10 Minuten ging es weiter.
Am Gutshaus war der Wein schon rot gefärbt. Erst kam wieder der alte Herr Schmidt, dann Lotte. Nachdem sie ihrem Vater gesagt hatte, dass Kurt an die Schaukel kommen sollte, ging es zur Schaukel. Gerade als Bine und ich auf der Schaukel saßen und Affenschaukel machten, stand er wieder da. Bine und ich drehten uns lachend, dann gab ich ihm die Hand. Mit einem festen Druck umschloss er sie und hielt sie lange, so dass ich mich nicht drehen konnte. Dann holte er ein kleines Grammophon (das kleine Manns) hervor. Während geschaukelt und geturnt wurde, spielte er unter anderem „Sah ein Knab’ ein Röslein stehen“.
Fräulein Schmidt fragte mich, warum ich nicht schon längst einmal gekommen wäre.
„Man stört doch nur als Besuch“, sagte ich. Aber sie meinte, ich könne immer kommen, auch uneingeladen. Und Kurt wollte wissen, ob ich pünktlich wiedergekommen sei.
„Vor 14 Tagen.“
„Das ist ja allerhand!“
Wenn ihr wüsstet, was mich das gekostet hat…
Dann wollte er wissen, ob ich immer in Hannover gewesen wäre und ob es schön gewesen wäre. Danach erzählte er von ihren Fahrten nach Kassel, an die Weser, in den Harz und sogar nach Hannover. Und sind nicht einmal bei mir vorbeigekommen. Anscheinend haben sie mich nicht im Adressbuch gefunden. Sie dachten sich wahrscheinlich treffen sie mich im Kaiser am Kröpcke: „Die Kleine muss doch mal zum Kröpcke hin.“
Dann turnte und schaukelte er ungeniert, dass der ganze Balken wackelte. Die ersten Wochen seien langweilig gewesen, aber dann sei der Umschwung gekommen. Auf Reisen sei er immer noch derselbe, und bald fahre er nach Peine, zu einer Jugendfreundin. In Göttingen und Mariaspring wären sie wieder gewesen, aber es wäre nichts da los gewesen. Warum er mir das alles erzählte? Und ob ich mit nach Hannover wolle? Seine Schwester führe auch mit. Natürlich will ich! Theater wolle er abonnieren, Sonnabendabend fahren wir hin. Und Erntefest wolle er geben, „so Gott will“, diesen Sonnabend. Dann könnten wir wieder tanzen.
So froh und glücklich war ich.
Danach ging er zum Dreschen. Seine Mutter kam und wir mussten noch mit ins Haus. Obst und Kuchen essen. Jeden Tag könnten wir kommen und schaukeln, selbst uneingeladen. Und wenn das Wetter gut ist, wollen wir Lotte Schmidt zum Spaziergang abholen. Wenn nur Sommerwetter wäre!
Abends bei Tisch sprach man natürlich über unseren Besuch unten, und der Baron konnte es nicht lassen zu sagen: „Fräulein Oltrogge, Sie müssen doch genau über das Erntefest Bescheid wissen. Wie ist es denn damit?“ Aber ich wusste es nicht. Oder vielmehr, ich hatte es vergessen, denn für mich war das Wichtigste: ich hatte ihn gesehen und gesprochen, und er hatte vielleicht auch einmal an mich gedacht. Ob er ahnt, von wem der Brief war?
Gestern Abend sagte Bine: „Du, Wichtel, hast du gehört: Kurt heißt er? So sieht er auch genau aus.“
Sie war ganz sprachlos, als ich meinte: „Ich finde ihn gar nicht hübsch. Gar nicht. Aber seine Schwester? Ja. Aber ihn gar nicht.“
„Dann achte mal drauf, die hat genau denselben Mund und dieselbe Nase wie er.“


Hinterlasse einen Kommentar