Die Eule im Schornstein

3–4 Minuten

Sonntag, den 13. September 1925

Während die beiden Mamis in der Kirche waren, hatte ich die drei Kinder und Muschi bei mir. Gemeinsam beobachteten wir die große Eule, die hoch oben im Schornstein gegenübersaß. Die Eule hatte den Baron heute früh veranlasst, im tiefsten Negligé heraufzukommen. Ich frisierte mich gerade, als Bine, die eben baden wollte, die Tür aufmachte.

„Guten Morgen, Fräulein Oltrogge“, rief sie. Ich drehte mich halb um und erwiderte den Gruß. Dann stürzten alle drei ans Fenster.

Zwischen zwölf und ein Uhr erwartete ich einen Anruf von Fräulein Schmidt: Ob wir spazieren gehen wollten oder per Auto nach Göttingen fahren?

Gestern waren Bine und ich unten. Wir haben geschaukelt und geturnt. Kurt hatte Besuch von einem Herrn.

Am Abend zuvor war Lotte Schmidt bei mir. Ich holte sie um halb neun ab, musste dort aber zunächst ins Herrenzimmer, wo alle in tiefen Sesseln saßen. Auch ein Herr Edam. Es war sehr gemütlich dort, und man hätte uns wohl am liebsten da behalten. Doch der ironische Kurt neckte mich unentwegt mit Hannover, sodass ich aufstand und Lotte mitnahm. Auf dem Weg den Berg hinauf haben wir uns halb totgelacht, oben begrüßte Lotte noch Bine im Bett.

Ich wollte sie näher kennen lernen. Auch ihr inneres. Leider war das nicht so leich, weil wir immer mehr lachten. Über Katzen uns alles. Dann hatte ich „Zwiegespräche“ und dann waren wir mit einem Mal mitten im Gespräch: über Liebe, Ehe, Mittelstand, Opferbereitschaft. Ihrer Ansicht nach wird ein Mann nur verzichten, wenn er wirklich liebt, sonst sind sie zu egoistisch. Auch ihr Bruder ist so: sehr feinfühlig, wenn es um ihn selbst geht, aber andere Dinge ziehe er gern ins Lächerliche. Sie hatte ihm einmal etwas unter zwei Augen anvertraut. Da war er zunächst sehr nett und vernünftig, hat ihr Rat gegeben und ausgeholfen. Später jedoch, vor anderen, machte er Späße darüber. Das hätte er nicht tun dürfen.

„Da hätte ich ihm mal ordentlich die Wahrheit gesagt!“, sagte ich. Seitdem vertraut sie ihm nichts mehr an. Jetzt hat er sich beklagt, dass sie kein Vertrauen mehr zu ihm hat. Komisch, aber ich habe das Gefühl, das müsste man ihm abgewöhnen können.

Kurt sei sonst sehr nett, aber in Gesellschaft ist er geradezu unausstehlich. Da will er immer aufschneiden, macht dumme Witze und ist überhaupt ganz anders als sonst. Er nimmt das Leben leicht und muss über alles lachend hinwegkommen. Sie kann über vieles lachen, aber nicht über das, was ihr heilig ist, und da stimmte ich ihr voll zu. Ob Kurt wohl das rechte Ohr geklungen hat?

Jedenfalls hat er an dem Abend noch Licht brennen lassen, und als Lotte zu ihm kam hat er fürchterlich geschnarcht. Das hat Bine mitbekommen und meinte zu mir: „Wichtel. Ich kann ihn mir so richtig vorstellen, wie er schnarcht.“

Das erzählte ich später Lotte und sie musste sich totlachen. Als ich auf die Uhr sah, war es schon halb zwölf, also brachte ich Lotte schnell heim. Sie meinte, sie brauche meine Laterne nicht und dann ist sie doch nur mit Müh und Not den Berg heruntergekommen.

Am Donnerstag begegneten Bine und ich ihr im Flecken. Erst haben wir gemeinsam Besorgungen gemacht und spazierten danach zusammen. Die Landschaft war schwefelgelb im Westen, darüber die Sonne, und blaugraue Wolken zogen auf. Wir gingen durchs kleine Tal und als wir die Höhe erreichten, sahen wir in die bergige Landschaft und dann kam ein Regenschauer. Zum Glück hatten wir zwei Schirme dabei. Der Boden war aufgeweicht, doch es war herrlich.

Jetzt sitzt die graue Eule immer noch im Schornstein. Die Kinder sind ausgegangen, und ich sollte eigentlich auch mit, aber es ist gleich zwölf.

Gestern erhielt ich einen aufgeregten Brief von Idel: Adolph hat auch kein Geld mehr, sie soll nun wieder eine Wiese verkaufen und von den Zinsen und etwas Kapital leben. Ich sehe schon Annas Gesicht vor mir… Die arme Idel, so aufgeregt! Könnte ich doch nur schnell mit dem Auto hinüberflitzen. Heute Nachmittag will die ganze Gesellschaft per Auto nach Wernigerode. Ach, wenn wir doch auch fahren könnten.

KI generiert

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