

Sonnabend, den 9. Januar 1926
Idel, Käthe und ich wollen ins Kino. Ich ginge lieber in die Schauburg. „Herodes und Marianne“ läuft gerade. Anna war die ganze Woche hier. Gott sei Dank kommt sie nicht mehr in unsere Wohnung. Und morgen fahre ich nun schon wieder zurück.
Lotte hat mir am 2. Januar einen Brief geschrieben: Sie konnten nicht kommen. Wallys Schwiegermutter war gestorben und Frau Schmidt ist ganz allein gewesen, darum fuhren sie über Hildesheim zurück, durch sechzig Meter hohes Wasser und blieben an Silvester zu Hause.
Hildes Verlobung war wunderschön. Es wurde gesungen, getanzt und gespielt. Wir spielten „Mäuschen ging mal“ und egal wer raten musste, jeder dachte, ich sei es. Das gab viel Lachen. Der alte Murtfeld wollte mich immer singen hören. Hilde war dauernd mit Briefen beschäftigt. Die Schwiegermutter lachte über ihre eigenen Witze. Frau Murtfeld saß still in ihrem Stuhl. Liesel bewunderte mein Kleid und tanzte gern mit mir. Der Murtfeld-Doktor war in Pelz gekleidet. Er ist groß, nett, klug und gut, aber doch nicht mein Geschmack. Er sagte, tanzen können er nicht. Aber nett war’s. Ich blieb bis zwölf und fuhr dann mit ihren Schwiegereltern im Auto zurück.
Gestern waren Käthe und ich im „Konti“ mit K. Es war aber auch nichts anzufangen, sie ist immer unglücklich. Wie kann man ihr nur helfen?
Als ich heimkam, war Hilde da. Sie weiß nicht, wo sie mit was anfangen soll. Wäre ich nicht so todmüde gewesen, hätte ich sie noch begleitet.
Vorgestern, als Idel und ich schon halb im Bett lagen, kam Mäusel noch vorbei. Sie denkt nur an ihre Hochzeit und Aussteuer. Als Lotte kam, sprachen wir von unseren Tischherren: Ich soll Emil Waßmann haben und Lotte einen vierzigjährigen Villenbesitzer. Dreimal lief Lotte in die Speisekammer und pfiff: „Auf in den Kampf.“ Allerdings schwiegen Rudchen und Marie. Erst als ich kam, waren sie glücklich angelangt. Weil Mäusel mir es anmachte, habe ich die „Jungens“ auf die arme Idel gehetzt. Lachen und Albernheiten, Baumkuchen und kalter Tee. Um halb eins konnte man Mäusels Schnarchen oben hören. Alles genau wie früher!
Mittwoch waren Marie Reichert, Annemarie und Wilma Bertram da. Interessant… Diese verschiedenen Mädchen. Jede besitzt einen Teil von mir. Alle sind mir treu geblieben. Jeder habe ich rückhaltlos den Teil meines Wesens gegeben, der zu ihr gehört. Wenn ich wieder hierherkomme, wäre jede bereit, mir Hannover zur Heimat zu machen. Wenn ich aus Adelebsen fortmuss. Und keine von allen ahnt, was mir Adelebsen bedeutet. Es kann mir ja doch niemand helfen.
In Riethagen kam ich abends an. Die Bahnfahrt durch Matsch. Niemand erwartete mich. Alles still. In tiefem Schweigen und Halbdunkel lagen Hof und Haus. Heimat! Und wo Wiesen und Garten waren, rauschte und sang das Wasser. Das Haus verschlossen. Ich rief: „Du hast ’nen Vogel!“
Marie, Käthe, Fräulein Gebhardt, Thyra und Hermann lagen schon im Bett. Hermann drückte ich die Hand, Thyra stand auf und setzte sich zu uns. Adolph war in Berlin.
Käthe und ich schliefen in einem Zimmer. Die Kinder riefen „Tante Hedy“, und ich musste ihnen die Geschichte von den zehn Negerlein vorlesen und von neuen Wiesen erzählen. Sie liefen mit leuchtenden Kinderaugen umher, sodass ich sie in die Arme nehmen und küssen musste.


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