

Ostersonntag, 4. April 1926
Ostern – Auferstehen. Die ganze sonnenüberglühte Frühlingswelt jubelt. Und auch mein Herz jubelt. Nachts träume ich von ihm, und am Tage denke ich an ihn. Sogar in der Kirche.
Ist das Unrecht? Ich fragte mich das, aber es kann kein Unrecht sein. Gott selbst hat ihn zu mir geführt. In seine Hände habe ich mein Schicksal gelegt.
Wenn die Sonne zur Ruhe geht, denk ich dein und denkst du mein?
Bei Mond- und Sternenschein denk ich dein und denkst du mein?
Geliebter, ich sehne mich nach dir. Was magst du tun bei diesem herrlichen Wetter? Fahrt ihr hinaus? In den Wald? An die Weser? Ach, könnte ich an deiner Seite sein, mit dir durch das weite Land fahren. Kein Wort wollte ich sprechen. Mich nur freuen, mich nur freuen.
Ich will dich nie wieder quälen. Nie wieder.
Hermann ist heute fortgefahren. Nebenan sprechen die Tanten. Vorhin war ich mit ihm auf dem Friedhof. Er glaubt, ich liebte einen armen Mann und wolle ihn heiraten. Ich solle ihm alles anvertrauen. Ich sagte ihm, er müsse noch etwas warten.
Er meint es gut mit mir. Auch seine Vorwürfe gestern, ich sei nicht genügend Lehrerin, es sei nicht recht, mich „Wichtel“ nennen zu lassen. Was sie nur alle an mir auszusetzen haben.
Und doch: heute ist Ostern. Der schönste Frühlingstag. Und wieder denke ich an Adelebsen, an den letzten Abend dort.
Mein Herz sagte mir, ich müsse hinuntergehen. Und ich ging.
Im Flur: er. Warum nennt er mich immer „Herzchen“, wenn er mir die Hand gibt?
Als Lotte kam, erzählte er, ich hätte den ganzen Morgen auf der Mauer gesessen und am Fenster gestanden. „So einer. Der Berg hat dir immer nach oben gespielt, was?“
„Flaggenmajor“, sagte ich und ging schnell ins Zimmer.
Edam fehlte. Ich setzte mich zwischen Lotte und ihn auf die Chaiselongue. Sie sah mich von der Seite an. Glaubte sie, ich schmücke mich auch so?
Der Abend war seltsam. Die Alten gingen schlafen, Kurt hatte wieder meine Laute. Er wollte das Lied von der Liebe singen, ich sollte ihn begleiten. Ich kannte die Melodie nicht. Dann sollte ich ihm vorsingen: „Wenn du mich liebst, so wie ich dich, so sollst du mein Eigen sein.“
Lotte und ich alberten. Ich sollte immerzu singen, aber ich hatte gar keine Lust.
Da setzte er sich hinter mich, ganz nah. Ich war so glücklich. Er wagte es nicht, mich zu berühren. Nur ganz leise legte er mir das Tuch zurecht. Wenn ich mich umdrehte, sah ich in sein Gesicht.
Dann sagte er leise, er müsse bald nach Hannover. Ob wir uns dort sehen wollten. Mein Herz jubelte, aber ich durfte es ihm nicht zeigen. „Sie versprechen es immer – und dann tun Sie es doch nicht.“
„Doch, Wichtelchen, ganz bestimmt.“
Wieder sollte ich singen. Ich begann und alle lachten. Das war zu viel. „Nun sing ich nicht mehr, die lachen ja alle.“
Ich sah ihn an. Er sollte mich schützen. Ich lehnte mich an Lotte, hielt die Laute vor mich. Da fühlte ich, wie er seinen Kopf an meinen Arm legte. Wir drei lachten.
Dann flüsterte er mir ins Ohr: „Wichtelchen, sing leise. Nur für mich.“
Er lachte nicht mehr über mich. Wie gut er war. Wie er bitten konnte. Diese Worte haben mich begleitet. Ich bin nicht mehr allein. Mir ist, er sucht mein Herz. Er muss mich lieb haben.
Noch einmal sah ich sein Gesicht, wie er lachte. Dieses halb gespielte Lachen. Und wie er sich dann hinter mir versteckte. Ich musste lachen: dieser große Mensch!
Schade, dass er ging.
Edam kam zu mir. Er setzte sich so dicht, packte mich mit seinen starken Händen an den Schultern. Er wollte erzwingen, was sich nicht erzwingen lässt. Ich hatte Angst vor seiner Kraft. Mein Herz würde sich darunter winden und weinen und er hätte kein Mitleid.
Lotte will mir immer helfen. Sie meint es gut.
Ihr Bruder rief mich: „Wichtelchen, dann suchen Sie die Herren doch zu verstehen.“
Ich sah ihn an. „Die Männer sind so einfach. Sie wollen alle dasselbe.“
Ich konnte nichts sagen. Und ich musste doch wieder singen.
Lotte flüsterte mir zu, diese Bewunderung sei gut für mich. Sehen mich deshalb die Männer so an?
Als die Damen hinaufgingen, sagte ich auch „Gute Nacht“. Wir vier blieben zurück. Meine Laute ließ ich unten. Vielleicht denkt er an mich, wenn er sie sieht.
Edam brachte mich heim. Er sagte, ich solle gesund an Leib und Seele wiederkommen. Er werde sicher kommen, mir vorher Nachricht geben.
Also mag er mich doch so wie ich bin.
Oben standen sie noch an der Tür und sahen uns nach.
Weil ich so froh war, musste ich Edam duzen. Er schwärmte von Cousinchen Irene und ihrer Freundin. Doch das sei nichts Ernstes, nur für einen Abend. Sein eigentliches Bild: frisch, gesund, fröhlich.
Mehr wollte ich nicht hören. Denn wenn Edam sie nicht wirklich mag. Dann der andere gewiss auch nicht.
Ach, es war so schön.


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