Autor: Helene Oltrogge

  • Freundinnen in Hannover

    Freundinnen in Hannover

    Donnerstag, den 28. Mai 1925 Das Kind kommt gerade heraus: „Ich will auch um Onkel Uli trauern.“ Und jetzt höre ich sie nebenan singen, nachdem sie mich lange hatte raten lassen, welche Bluse sie wohl anziehen würde. Alle sind wieder da. Morgen ist die Beisetzung. Und ich fahre am Samstag nach Hause, nach Hause, nach…

  • Sabinchen und ihr Waldi

    Sabinchen und ihr Waldi

    Dienstag, den 26. Mai 1925 Sabinchens Onkel Uli ist gestorben. Heute Morgen kam Mädi herauf, nahm das Kind auf den Schoß und sagte es ihr. Ich bewunderte ihre Selbstbeherrschung nachher bei Tisch. Und doch spürte ich die Trauer. Seit wir in den letzten Tagen ganz allein waren, bin ich ihr nähergekommen. Gemeinsamkeiten ergaben sich: Studenten,…

  • Gewitter und Gedanken

    Gewitter und Gedanken

    Sonnabend, den 23. Mai 1925 Es gewittert. Der Regen war nötig. Heute habe ich drei Briefe bekommen – von Koli, Käthe und Liesel. Herrlich! Wenn das Wetter morgen schön ist, fahren Sabinchen und ich zu Konrad Holscher. Gestern Abend war ich bei Pastors. Ein Fräulein Bauer vom Gut und Fräulein Sprenger, eine Lehrerin, waren auch…

  • Ausgeschlossen

    Ausgeschlossen

    Donnerstag, den 21. Mai 1925 – Himmelfahrt Alle sind weg. Per Auto irgendwohin. Das Kind fragte bei Tisch: „Soll Fräulein Oltrogge auch mit?“ „Nein, diesmal nicht.“ Ich weiß nicht mehr, wer es sagte, jedenfalls war es entsetzlich. Man fühlte wohl das Peinliche der Lage, und der Baron setzte hinzu: „Fräulein Oltrogge freut sich auch mal,…

  • Erst Mensch, dann Baron

    Erst Mensch, dann Baron

    Mittwoch, den 20. Mai 1925 – Mutters Geburtstag Die Baronin und Gräfin Inga sind in Imshausen. Statt ihrer ist Leo König, der Maler, bei uns. Er ist erst Mensch, dann Baron. Mädi war hinausgegangen. Ich wollte mit Sabine hinaufgehen. Ich stand neben dem Sessel des Barons, der mir ein Bild in der Illustrierten zeigte. Sabine…

  • Ein Gebet in der Nacht

    Ein Gebet in der Nacht

    Dienstag, den 19. Mai 1925 Die Abende dürfen nicht sein, denn dann erwacht die Sehnsucht. Ich stehe am Fenster, schaue nach Westen, wo die Sonne blutrot verschwand, und denke an Hannover. Mein Leben zieht in Bildern an mir vorbei. Ich nehme meine Gitarre, doch statt hell und fröhlich zu singen, zieht es mich innerlich nieder,…

  • Besuch von Baron von Götz

    Besuch von Baron von Götz

    Sonntag, den 17. Mai 1925 Die Fenster stehen weit offen, und die Abendluft strömt herein. Erfrischend nach den heißen Maitagen. Vom Karussell dringt Musik herüber: „Wenn du eine kleine Braut hast, der du alles stets vertraut hast…“ Ich konnte leider nicht herausfinden, woher das Lied kommt oder wer es geschrieben hat. Hätte es gerne gehört.…

  • Fehl am Platz

    Fehl am Platz

    Donnerstag, den 14. Mai 25 Heute kam ein Brief von Idel. Marie ist jetzt in Riethagen – Gott sei Dank! In Hannover konnte das so nicht weitergehen. Ich finde diese Weitergabe von Marie echt nicht in Ordnung. Aber gut.. Ich kann gut reden 100 Jahre später.. Es ist Abend, und ich bin müde von der…

  • Ein neues Leben

    Ein neues Leben

    Mittwoch, den 13. Mai 1925 Wir haben jetzt unseren eigenen Garten! Ich habe tatsächlich alles mit meinem kleinen Verstand zuwege gebracht. Es ist zwar etwas anstrengend, aber man wird so herrlich müde davon und grübelt abends nicht mehr stundenlang, ehe man einschläft. Ich finde es ganz Schade, dass Hedwig sich immer so klein macht. Von…

  • Sorge um Marie

    Sorge um Marie

    Dienstag, den 12. Mai 1925 Draußen ist Mai. Herrlicher, sonniger Mai. Alles grünt und blüht, der Blick aus meinem Fenster ist bezaubernd. Ja, ich liebe den Mai auch. Beste Jahreszeit! Jeden Tag erhalte ich Briefe und Karten. In Hannover muss es jetzt schrecklich sein. Die arme Idel! Mariechen ist mit ihrer Dummheit so rücksichtslos. Tatsächlich…