Der Mann am Steuer

7–10 Minuten

Donnerstagabend, den 10. Juni 1926

Die Katze dreht mir ehrfurchtsvoll den Rücken zu. Sie will nichts von meiner Schreiberei wissen. Und hat wohl recht. Sie würde sicher lachen.

Ach, in mir ist ein Frohsinn, eine Freude, eine Ruhe. Gestern und heute! Herrlich!

Gestern nach Tisch hinunter. Die Stimme des Barons fragte, ob ich allein spazierengehen wolle. An seinem Schreibtisch, auf dem mein Feldblumenstrauß stand, schrieb ich, während Legau diktierte und immer seine Randbemerkungen machte: „Nicht wahr?“ Vor Lachen schrieb ich alles verkehrt.

Was ich denn abends immer täte … Dann versprach ich, mit der Laute zu kommen, und er durfte sich ein Lied wünschen: Der Metzger von Soest.

Abends unten. Frau Schmidt und wir vier. Jeder anders und doch alle gleich.
Kurt habe ich gesagt, was ich dachte. Davon wurde mir ordentlich freier.
Unausstehlich!

Dann fing er an und wollte mich verhauen. Edam sollte helfen, aber der saß schläfrig in seinem Stuhl. Weil er Marga nicht hatte, umarmte er seine Mutter, hielt mir dafür Käthe als Beispiel hin. So viel unnützer Streit. Legau stand mir bei, und dadurch wurde der Riss in mir nur noch größer, aber vielleicht musste er geschlossen werden.

Drüben am Klavier sang Kurt: „Rosmarin, ich lieb dich, ergib dich mir“, und zeigte dabei auf mich und auf sich. Legau saß neben mir im Sessel, wir amüsierten uns über die beiden und hielten überhaupt zusammen.

Edam hat mich nur auf die Schulter geküsst. Es war ein heißer Kuss, aber er drang mir nicht ans Herz. Ich müsste noch gemerkt werden!

Und je mehr sie redeten und um meine Gunst warben – der eine so, der andere anders – desto ruhiger wurde ich.

Legau brachte mich heim, um den Schafstall herum. Er hielt meine Hand in seiner großen, und wie er sich hinunterbeugte und mich ansah. Ich war ihm gut.
Tor zu. Hinten herum. Handkuss. Gute Nacht.

Heute nach der Schule Westerberg. Gegen halb eins zurück: Herbert rief, ich solle in fünf Minuten unten sein. Auf nach Uslar. Das Auto hielt schon bereit. Edam, Legau, ein Winken, ein Nicken und los.

Alte Kirche. Gruß. Kein Kuss. Verdeck hoch. Weiter. Ach, war das alles schön.

Ich saß neben ihm und wollte jung und lustig sein, denn er liebt ja eine andere. Komisch, dass mir das gar nicht mehr wehtat.

Uslar.

Lieb und nett war er. Ich zur Krankenkasse, er zur Bank. Und tatsächlich. Ob es nun meine schönen Augen waren oder etwas anderes. Hurra, ich bekam Geld zurück.

„Davon kaufen wir ein Stück für die Aussteuer, Wichtel. Ich such’s mit aus!“

„Ja, ja.“

Dann sah ich mir die Stadt an. Da treffe ich meinen Kurt mit dem Doktor und Chemie. Mit zu seiner Junggesellenwohnung. Die Wichtel sollte eingeseift werden, und was der Kerl da alles zusammenfaselte, geht auf keine Kuhhaut.

Er könne ohne Frau nicht leben.

„Heiraten Sie doch.“

„Das kann ich Wichtel nicht antun.“

Dann fragte er, was der Doktor wohl von mir dächte, gab mir die blödsinnigsten Namen, alle lachten, er wollte mich auf seinen Schoß ziehen, hielt meine Hände fest.

„Menge haben Sie zu Ihrer Heirat.“

Da sah er mich an. „Wie sie das nun sagt.“

Likör wurde getrunken.

„Doktor, was Sie denken, stimmt nicht. Wichtel ist die Freundin meiner Schwester, die muss ich schon gern haben.“

Zum Doktor sagte er, ich könne ja nicht ewig in Adelebsen bleiben, ich müsse sehen, dass ich bald angestellt würde.

„Ach was, Wichtel, heiraten müssen Sie!“

Ich konnte ihn bei all seinem Gewäsch kaltlächelnd ansehen. Dieser etwas schwermütige Tonfall in der Stimme des Doktors gefiel mir. Gegen Kurts Nervosität war er die verkörperte Ruhe. Ich fühlte, dass er mich beobachtete; Kurts Benehmen musste Zweifel in ihm erwecken.

„Die Frauen sind doch alle gleich, Wichtel.“

„So? Ich hatte mir gerade eingebildet, eine Ausnahme zu sein.“

Wie sie lachten und ich mit.

Um drei hinaus in den lachenden Sonnenschein. Wir brachten den Doktor noch zu seiner Fabrik, fuhren dann zur Kasse, wo Kurt noch einmal für mich ein Wort einlegte, und dann heim.

Rechts und links grünten die Wiesen, dahinter die Berge. Ach, das war Leben. Ich dachte nur: Wie schön ist die Welt.

Ich brauchte nur zur Seite zu sehen, dann sah ich ihn, wie er das Steuer fest in der Hand hielt.

Angst hatte ich nur in den Ortschaften, wo Enten, Gänse und Hühner vor das Auto liefen. Dann musste ich ihm immer einen Knuff in die Seite geben, dass er vorsichtig fuhr.

In seiner Tasche hatte er eine Flasche Riechwasser. Ich nahm sie heraus, tat etwas davon auf mein Taschentuch und hielt es ihm vor die Nase.

„Zwischen uns liegt etwas wie ein kleines Rätsel.“

„Ein großes Rätsel“, verbesserte ich.

Schweigen.

Das Leben sei ein Theater. Am liebsten spiele er Lustspiel, Tragödie selten. Mit Käthe die Wahrheit, mit mir Lustspiel.

„Ich muss eben so verbraucht werden, wie ich bin“, sagte er. Das hätten seine Großen auch immer gesagt.

Es mochte ja richtig sein, aber es war ein schrecklicher Stolz. Ich sollte doch nicht verbraucht werden, sondern noch etwas geben.

Er lebt in einer ganz anderen Welt als ich. Vielleicht hat Lotte recht, wenn sie sagt, wir passten gar nicht zusammen. Dass ich ihn reize, weil ich gerade das Gegenteil von ihm bin. Das glaube ich. Aber wenn er meint, mich im Vorbeigehen pflücken zu können, dann irrt er sich.

Einen Brief von Lotte las er mir vor. „Die Dortmunder hat natürlich auch geschrieben. Sie ist sehr traurig, dass wir nicht kommen.“

Ich hörte zu und lächelte still. Über ihn oder über mich?

„Ich habe immer Angst, dass wir einmal in so ein Vorderrad von einem Wagen fahren.“

„Nein“, sagte er, „ich weiß doch, welche wertvolle Last ich hier bei mir habe. Rudolf würde mich sonst fordern.“

„Ja, sicher.“

Es schien mir unnötig, ihn auf seinen Denkfehler aufmerksam zu machen.

„Wenn ich mit einem Mal tot wäre. Ich glaube gar nicht, dass ich das schrecklich fände.“

„Bine und Lotte würden doch weinen.“

„Ja, das wohl.“

„Und ich könnte nichts mehr mit Ihnen lachen. Worüber sollte man sich dann noch freuen?“

Es klang schon wie aus weiter Ferne. Mein Herz schlug ganz ruhig dabei.

Daheim. Ins Haus. Ich sollte mit Kaffee trinken. Erst saß ich mit allen drei Herren im Zimmer. Edam musste Bericht erstatten, Legau und ich klönten. Kurt war ganz in seine Zeitung vertieft und tat, als gäbe es keinen anderen Menschen mehr.

Frau Schmidt und ich tranken Kaffee. Erst als wir fast fertig waren, kam Kurt. Seine Hände liebkoste er, gerade wie es ihm einfiel. Wenn er keine Lust hat, vernachlässigt er sie, genau wie die Frauen, ohne die er doch nicht leben kann.

„Ich nehme Wichtel gleich mit nach Göttingen. Da haben wir immerhin den Jungen ab.“

Er zeigte mir ein Bild. „Kennen Sie dies Bild von der Dortmunder?“

„Zeigen Sie. Hübsches Weib, würde der Baron sagen.“

„Hier sind noch mehr. Eine ganze Seite.“

Einen Moment sah ich in seine auf mich gerichteten Augen.

Er schwieg erst, dann sagte er: „Ja, Wichtel, das ist eine sehr scharfe Konkurrenz.“

Das glaube ich. Warum kann ich darüber lachen?

„Wichtel, kommen Sie doch mal!“ Frau Schmidt rief mich. Ich half ihr beim Tischdecken, pflückte Blumen, stellte Vasen zurecht. Oben zeigte sie mir das Bettchen für den Jungen.

Ich stand gerade in der Küche bei den Blumen, da kam Kurt herein, blieb einen Augenblick stehen und sagte dann:

„Wichtel, wir müssen fahren.“

Auf dem Hof meinte Edam, ich sähe angegriffen aus, meine Lippen seien spröde. Dabei musste ich leuchtend rote Wangen gehabt haben.

Dann sausten wir beide wieder los. Ach, das war sonnigstes Leben.

Auf der Fahrt erzählte er mir von einem Offizier, der wegen politischer Sachen per Steckbrief verfolgt wurde. Für solch einen Mann könnte ich mich begeistern.

Die ganze Fahrt über habe ich sein Gesicht angesehen. Schlechte Zähne, furchtbarer Unterkiefer, verhältnismäßig kleine Augen, aber scharf.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie er mich küsste, und musste schnell wegsehen, damit ich nicht lachte.

Seinen Brief an den Bankier hielt ich in der Hand, klebte die Marke darauf und dachte an Käthes Gespräche von wegen reicher Heirat.

Dann hielten wir vor dem Bahnhof. Oben auf dem Bahnsteig bearbeitete ich ihn noch einmal, für Lotte und ihren Kurt Christoph einzutreten. Aber er ist ein Dickkopf. Er will erst von Lotte selbst ins Vertrauen gezogen werden.

Dann der Zug.

Die Baronin: schlank, hübsch. Der Junge süß. Fräulein Irene klein und lustig.

Ins Auto. Irene und ich hinten. Die Sonne lachte, der Himmel war blau. Meine Heimat war die ganze weite Welt. Hier hatte ich liebe Menschen gefunden, die mir Freude machen wollten.

Und wenn ich einmal weiterzog, würde ich mit Freude und Schmerz an diese Zeit zurückdenken.

Adelebsen, halb sieben.

Fest drückte er meine Hand. „Wann kommen Sie wieder?“

„Muss mal sehen.“

„Morgen!“ Seine Augen wurden ernst.

Ich erstieg die Burg meiner Väter.

Aber heute muss ich vernünftig bleiben. Morgen hat Lottes Mutter Geburtstag, da laufe ich hinunter. Blumen!

Auf das Grab der Großmutter habe ich Heckenrosen gebracht.

Wenn die Heide blüht, will er nach Riethagen und von dort Käthe mitbringen.

Bine hat unten geschaukelt, ich war bei Fräulein Sprenger. Und gerade als ich aus dem Fenster sah, standen Kurt und Edam auf dem Hof. Kurt blickte hinauf, ich winkte impulsiv und zog mich dann schnell zurück.

Bestimmt hat er mich gesehen. Es ist albern von mir, dass ich dann immer verschwinde, aber ich kann nicht anders.

Bine hat die Baronin gefragt, ob ich heute abend nicht mehr herunterkäme. Das Gör sagte nein, wahrscheinlich nicht.

Nun gehe ich tatsächlich nicht hin. Aber froh bin ich doch. Jetzt denkt man sicher an mich. Und wenn ich ganz weggehe, wird es zuerst vielleicht doch schmerzen.

Aber entweder oder.

KI generiert

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