Eine laue Sommernacht

4–6 Minuten

Dienstag, den 22. Juni 1926

Gestern war Maries Geburtstag. Ob Heine an sie gedacht hat?

Golden scheint die Sonne. Jei!

Rot leuchtender Mohn steht neben dem Bild meiner ersten Liebe. Wie lieb ich die Blumen! Rechts stehen Heckenrosen bei Hermanns Bild. Ihr Lieben alle! Die ganze weite Welt grüße ich.

Bald ist Vollmond.

Eigentlich wollte ich hinunterlaufen, da sah ich sie wegfahren. Morgen muss ich hierbleiben, also komme ich vorher nicht hin. Aber einen Sonntagabend habe ich verlebt: da war Lachen, mein Herz lachte und freute sich. Meine Augen mussten groß und leuchtend gewesen sein und meine Backen rot.

Abends kam die Baronin erst wieder aus Reinhausen, vom Landesbischof. Um drei sprang ich hinunter, im rosa Kleid und mit Schulmädchenfrisur. Als Schülerin bin ich wohl nie so lustig, so selig gewesen.

Ich weiß nicht, wie ich alles beschreiben soll.

Als ich in den Garten komme, liegen die drei Herren auf dem Rasen. Man begrüßt mich. Edam liegt, Kurt kniet, Legau steht stramm. Als ich Legau ihnen als Beispiel hinstelle, sagt Kurt:

„Wichtelchen, knien ist doch noch besser!“

Lorettchen, die alte Fräulein Saire, Edam, Kurt und ich auf einer Bank. Legau sagt nichts, schaut bloß. Rechts und links wird geneckt, Kuchen gegessen, Blicke gehen hinüber und herüber. Edam kann meinen Arm nicht in Ruhe lassen.

Ich fühlte mich als Mittelpunkt der Welt, weil er neben mir sitzt, mich ansieht und doch nicht wagt, mich zu berühren. Was will der andere von mir?

Lorettchen sitzt auf Kurts Schoß. Er schlingt seinen rechten Arm um sie, lacht und neckt. Ich lache auch, und da umfasst er mich mit dem anderen Arm, zieht meinen Kopf ganz dicht zu sich. Ehe ich noch ein Wort herausbringen kann, fühle ich nur seinen Arm und sein Gesicht an meinem. Ich versuche, mich zu befreien, und erschrecke vor mir selbst: Es fällt mir schwer, so gut ruht es sich da.

So lieb habe ich ihn. Ich kann nicht glauben, dass er die andere liebt.

Bis ich wieder frei bin, will Edam dasselbe tun. Da fällt mir der Widerstand gar nicht schwer.

Und dann sieht Kurt auf, fasst mit einem Mal meine beiden Hände und sagt, mich mit strahlenden Augen ansehend: „Wichtelchen, Lotte hat mir geschrieben, ich sollte gut für Sie sorgen.“

Ich muss ihm meine Hände lassen und ihm direkt in die Augen sehen.

Edam sagt: „Schreiben Sie nun der Lotte, die Wichtel wäre gut versorgt.“

Dann gehen alle ins Haus. Die Geschwister ziehen mit meiner Tasche zur Mutter, wir anderen gehen paarweise durch den Garten zur Schaukel. Edam und ich.

Dort hinter dem Grünen fasst Edam mich stürmisch um und küsst mich auf Hals und Schulter. Meinen Mund bekommt er nicht.

„Angst, Wichtelchen?“

„Nein.“

Da kommen die anderen.

Schaukeln. Wie sie mich ansehen. Diese verschiedene Art.

Schließlich sitze ich zwischen beiden auf der Bank. Da kommt der Chef, macht ein paar Turnübungen. Legau soll ich unterstützen, Edam sagt gar nichts mehr.

Schließlich hakt Kurt mich unter und sagt:

„Komm, wir wollen Musik machen.“

Diesem Ton kann ich nicht widerstehen. O, wenn er wüsste, was ich im letzten Grunde willentlich bin.

Legau ruft noch etwas von „überflüssig“, wenn der Chef da ist. Als der Mann neben mir fragt, ob ich mich noch nicht trennen könne, und mich dabei weiterzieht, sehe ich mich nicht mehr um. Denn dies ist doch der Mann meines Herzens.

Vor dem Haus erzählt er mir von Lisa. Dann holt er mir einen Sessel ans Klavier, und wir suchen Lieder aus.

Dann kommen all die anderen, und der Lärm, das Flirten und Spielen beginnt. Aber er will es ja so. Warum sagt er dann nicht das eine Wort?

„Im Rausch einer Nacht“, singt Edam. Kurt spielt, Legau mimt. Aber statt vor Lore, wie Kurt es wünschte, spielt sich alles vor mir ab. Immer wieder tauchen seine Blicke in meine, wie er sich herniederbeugt, alles hinter Kurts breitem Rücken.

Ich lachte mein klingendes Herzenslachen. Ach, war das Leben schön. Doch nur, weil er da saß und spielte.

Da sang er mit einem Mal: „Liebling, Liebling, liebst du mich?“

Er drehte sich um, und sein Blick zwang mich, ihn anzusehen. Mein Herz zitterte.

Warum fragte er mich? Warum quälte er mich?

Beim Neckarlied sang Legau vom ersten Kuss mit einer Leidenschaft, die mich ergriff. Ich wusste, dass das mir galt.

Alle drei warben um meine Gunst?

Warum?

War ich nur hübsch?

Tanz!

Edam.

Kurt.

Legau wollte erst nicht, dann wollte ich nicht.

Was ist das nur bei Kurt? Strengt ihn das Tanzen so an? Ganz kurz und schnell spüre ich seinen Atem über mein Haar streichen. Oder hat er eine schwache Lunge?

Legau brachte mich heim.

„Eine laue Sommernacht“, sagt Kurt, als er mit an der Tür steht und uns nachsieht. Edam wollte gerade das Tor zuschließen.

Dann sind wir allein.

Ich muss über ihn lachen. Er will sich rächen.

Auf dem Stieg.

Er ist verliebt. Wie zärtlich er meine Hand drückt und sie an seine Lippen führt. Dann umfasst er meine Schulter. Ich fühle seinen Atem, höre halb geflüsterte zärtliche Worte. Schon küsst er mich auf die Stirn und schließlich auf den Mund, den ich ihm vergeblich zu entziehen suche.

Einen Augenblick stand mein Herz still.

Also das war es.

Also war er der Erste, der mich küssen musste.

Ich bin gar nicht traurig. Ich kann lachen und mich freuen. Auch meine Hand lasse ich in der seinen. Er ist ja gut.

Liebt er mich etwa?

„Ich habe schon viel Leid erlebt.“

Seine Lippen auf meiner Hand.

„Gute Nacht!“

Heute habe ich ihn vom Fenster aus gesehen. Er nahm die Hacken zusammen und schaute herauf.

KI generiert

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