

Montag, den 2. August 1926
Heute lacht die Sonne. Es wird gewählt. Arbeitslose aus Uslar. Es muss alles mit der Hand gemacht werden. Morgen fahren wir nach Schliestedt, wer weiß, wie lange? Aber zum 17. werden wir wohl wieder hier sein.
Gestern wieder ein Tag!
Samstag war ich ganz früh zu Bett gegangen. Ich fühlte mich so herrlich müde, baden, Haar waschen und schlafen. Und dabei kam mir mit einem Mal das Leben wieder so herrlich vor: Irgendwo muss es einen Menschen geben, für den ich da bin!
Ich wachte auf und meinte, die ganze Welt gehörte mir. Idels Brief wollte mich niederdrücken, aber ich muss doch allein meinen Weg gehen.
Nach dem Tee ging ich hinunter. Er soll sehen, dass ich mich nicht verändert habe: dass mein Haar noch genau so blond, meine Augen noch genau so blau und meine Backen und Lippen noch genau so rot sind. Mit Lotte, der Mutter und dem Vati im Musikzimmer. Decke. Und doch dachte ich noch daran: „Ob er wohl hereinkommt?“
Das Auto fuhr vor, die Herren wollten nach Uslar. Da kam er. Sein Vater hatte ihm gesagt, dass wir hier wären. Mit Augen und Händen wollte er mich an sich ziehen. Ich stemmte mich dagegen. Das ist nun aus! Er hat es so gewollt.
Im Auto, gepresst voll. Ich in Lottes Hut. Edam neben mir. Aber mein Herz gehört jetzt wieder der weiten Welt. Uslar. Zuerst zu Dr. Reilers Wohnung. Er drehte sich nach mir um, ich weiß ja, weshalb er das tat. Edam klettert zum Fenster hinan, alles zu. Lachen! Weiter zum Schützenfest. Lotte und ich gingen ihn suchen. Ladeanstalt, Schützenplatz, nicht zu sehen. Da mit einem Mal kommt er hinter uns her. Lotte wird knallrot. Seine leise klingende, etwas melancholische Stimme schwingt, blaue, klare Augen hat er. Ich glaube, er kann schwärmen und träumen. Sein Bruder will nicht mit, so geht er mit uns allein. Treffen das Auto, alle sitzen schon drin und warten auf uns.
Dann ins Kaffee. Lotte und Kurt auf dem Sofa, mir gegenüber. Neben Kurt der Doktor. Edam und Legau zu meinen Seiten. Edam sieht sich das Blatt an. Kurt steckt sich eine dicke Blume ins Knopfloch, bestellt für sich Würstchen, für uns Likör.
Und dann wird gepflaumt. Ich bin wieder das Opfer und sehe alle Männerblicke auf mir ruhen… Meine Lippen, meine Augen. Und wie er mich ansieht und redet. Er ist wieder verliebt! Er möchte zu gern der Erste sein, der mich küsste, und seine ganze Leidenschaft würde er entflammen lassen. Ich sehe ihn an und sage in seine Augen hinein: „Nie wird Ihnen das gelingen.“ Und ich fühlte, dies ist meine einzige Rache. Sein Gesicht ist ernst und er verzichtet schwer. Ich wäre ein Diplomat!
Und dann redet er mit dem Doktor: Ich wäre nur noch im August hier, im September führe ich ab.
Was denkt er bloß? Ich mochte ihn überhaupt nicht ansehen. „Goldkind“ nannte er mich und seine Augen blitzten. Ich konnte sogar mit dem Herzen lachen. Edam leise: „Wichtel, es wird doch noch so, wie ich damals gesagt habe.“
Seine Augen fordern mich. Aber ich habe Angst vor seiner Rücksichtslosigkeit. Mein Herz würde weinen, wenn ich dennoch sein Weib werden müsste. Kurt fängt wieder an, wie mich beide immer nach Hause bringen wollten, die Leute redeten, ich zöge beide auf. Und dann fragt er sie, ob ich gut küssen könnte.
Lachen, Lachen. Ach, ich lebte, lebte!
Weil ich um 7 zu Hause sein musste: Auf in den Kampf! „Jetzt muss Wichtelchen mit nach vorne kommen.“ Edam lachte.
Ich saß wieder bei ihm. Neben dem Auto stand der Doktor. Er sah zu uns in den Wagen, wollte Samstag nach Göttingen zum Schützenfest, aber Kurt wurde das zu spät. „Na, Sie sind doch sonst nicht so solide.“
Und dann sollte ich dem Doktor sagen, dass er sehr solide wäre.
„Na, ich weiß nicht recht.“ Au, wurde er wütend! Ich legte lachend meine Hand auf seinen Arm.
Verabschieden. Der Doktor sah mich nicht an, wie er mir die Hand gab, nur halbleise klang es: „Nehmen Sie sich in acht.“ Er braucht nichts zu fürchten, ich hielt mein Herz fest.
Und dann hat er mir alles erzählt: Nun wäre mit uns beiden alles anders geworden, er hätte es doch nur gut mit mir gemeint. „Das tun Sie hoffentlich jetzt auch noch.“
„Ja, Wichtel, aber es war doch anders, das musst du doch gemerkt haben.“
Da habe ich ihm gesagt, dass das doch keine richtige Liebe gewesen wäre, wenn die so schnell vergessen werden könnte. Und dass ich was anderes brauchte. Ihm wünschte ich, dass er immer so glücklich bleibe.
Abends sollte ich wiederkommen. Ich lief den Berg hinan, es schlug 7. Mein Herz so voll von Gedanken.
Abends im Garten. Edams verunglückte Rosenschere bei Fräulein Stumpf. Wenn ich Geburtstag hätte, wollte er mich in Rosen betten. Drinnen Musik. Traumland. Lotte, Kurt und ich. Legau fühlte still mein Leid, er küsste ganz zart meine Hand.
Gute Nacht.
Montagabend
Eilende Wolken am Himmel, dort ziehen sie. Oh, könnte ich mit! In mir ist Drängen in weite Ferne. Hier habe ich keine Heimat gefunden, liebe Menschen ja.
Eine halbe Stunde war ich unten. Sie aßen, ich habe ihnen vorgeplaudert. Edam, dann kam auch Kurt. Alles wie nichts. Hat sich meine Liebe schon in Schwesterliebe verwandelt?
Und er wollte mich nicht gehen lassen. Er hielt mich mit seinen Armen, zwang mich auf seinen Schoß. Ich sah ihn an und sagte nur, ich müsste heim.
Edam wollte mich auch noch an sich drücken, ich kann nicht. An der Tür, Lotte und ich Arm in Arm. Beide standen hinter uns. Ich sollte mich nicht mit fremden Männern einlassen, sie wären die Rechten.
„Ja, frei und bieder!“, lachte ich nur.
Ich bin wieder frei und kann wieder singen: „Gott ist die Liebe, er sandte den Sohn, Gott ist die Liebe, er liebt auch mich!“
Du hast mir ihn nicht geschenkt. Ich will nicht fragen „warum“, aber du musst nichts sagen, ich lasse dich nicht!


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