Autor: Helene Oltrogge
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Der Tag an der Schaukel
Mittwoch, den 9. September 1925 Ein Freudentag war dieser Montag. Und heute ist schon Mittwoch. Am Sonntag bei Fräulein Sprenger war es auch sehr nett. Nach dem Mittagessen machte ich mit Fräulein Stricker (groß, dunkel, hübsche Augen, eher schwermütig, dachte sie wäre 25, ist aber 30 Jahre alt) und Fräulein Sprenger einen Spaziergang durch die…
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Rosentapete und Regentropfen
Freitag, den 4. September 1925 Die Tropfen fallen unaufhörlich. Ich habe in meinem Zimmer eingeheizt. Frieren kann ich nicht. Nun darf Bine nicht mehr hereinkommen, sagt eben die Baronin, aber das ist mir auch einerlei. Wenn sie dort unten feiern, kann ich hier oben auch allein sitzen. Und dabei denke ich jetzt wieder: Es muss…
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Das Leid der Erde
Dienstag, den 1. September 1925 Idel hat mir einen lieben Brief geschrieben. Sie glaubt fest daran, dass mir noch ein gutes Stück irdisches Glück vorbehalten ist. Sie sagt, der liebe Gott habe alles bereits bestimmt. Sie fragt, ob mir denn ein Herzenswunsch vorschwebe. Aber das darf ich ihr nicht schreiben. Es ist ja doch so…
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„Huhu“ im Garten
Montag, den 31. August 1925 Mühlendahls sind leider abgereist. Ich traf ihn noch einmal, als ich vom Flecken kommend den Berg hinaufging. Mit schalkhaftem Gesicht bedauerte er Bine, die heute wieder Schule hatte. Und nun ist er fort. Gestern war entsetzlich viel Besuch da, auch Bürgerliche. Die lange Tafel mit den beiden Leuchtern war voll…
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Ein goldener Käfig
Freitag, den 28. August 1925 Ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Ich weiß nicht, was aus mir werden soll. Ich weiß nur, dass ich unglücklich bin. Ich lebe hier doch wie in einer goldenen Gefangenschaft. Bine ist krank, und ich muss ständig bei ihr bleiben. Eben war ich eine halbe Stunde draußen, lief durch…
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Er soll an mich denken!
Donnerstag, den 27. August 1925 Die Sonne lacht. Das Land liegt wunderschön vor mir. Und doch bin ich traurig, weil sie mit dem Auto weggefahren sind. Eben bei Tisch war viel Besuch, mir gegenüber saß Mühlendahl. Jetzt spielen sie vermutlich wieder Mah-Jongg, während ich hier sitze und zu viel an ihn denke. Könnte ich doch…
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Zurück im Regen
Mittwoch, den 26. August 1925 Am Tisch sitzen Bine und Sepp. Bine schreibt mir einen langen Brief und hält ihm dabei all ihre Unarten vor, die sie mir schreiben will. Sepp macht darüber nur große, verwunderte Augen. Bine gibt die strenge Alte. Ich studiere lieber Katzen und Kinder. Die Baronin und Mädi sind mit dem Auto nach…
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Jeder lebt sein eigenes Leben
Sonntag, den 16. August 1924 Heute sollten wir eigentlich in Neustadt sein, aber nach dieser Szene ist Idel außerstande dazu. Gestern Nachmittag kam Annemarie vorbei, und wir sind zusammen in den „Sommernachtstraum“ gegangen. Als wir nach Hause kamen, bin ich schnell zur Post gelaufen und habe den Brief eingeworfen. Nun denke ich immer daran, welches Gesicht er…
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Staatsdienst oder Adelebsen?
Freitag, den 14. August 1925 Ich unterstreiche das Datum, aber es ist nur eine Erinnerung. Sie gehört eigentlich schon der Vergangenheit an. Heute war ich bei Herrn Rektor Brenneke. Hier in seinem Sprechzimmer in der Schule. Mit offenen Armen empfing er mich, und alle Möglichkeiten, in den Staatsdienst zu kommen, wurden durchgesprochen. Schließlich sollte ich…
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36°C im Schatten
Mittwoch, den 12. August 1925 Eben habe ich noch an Adelebsen einen Brief geschrieben und schicke ihn Sonnabend ab. Gestern hat Rudolf seinen Besuch gemacht, während ich mit der Schneiderin in der Stadt war. Ob ich ihn in diesen Ferien wohl noch sehen werde? Bine ist reizend und schreibt mir. Anna war wieder da. Sie…
