Autor: Helene Oltrogge
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Ein Sonnabend ohne Ziel
Sonnabend, den 27. Juni 1925 Und ich bin gar nicht froh, obgleich die Sonne scheint, denn aus der Fahrt nach Göttingen wird scheinbar nichts. Entweder gehe ich nachher zu Pastors oder mache allein einen weiten Spaziergang. Der junge Pastor Hölscher schreibt mir, dass ihr Haus derartig unwirklich sei, dass es nicht ginge. Außerdem seien die…
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Ein Abend mit Herr Schmidt
Freitag, den 26. Juni 1925 – Adelebsen Gestern Abend unternahmen Fräulein Sprenger und ich einen weiten Spaziergang. Über den dunklen, bewaldeten Bergen stand die schmale Mondsichel. Jedes Mal, wenn wir in eine Talstraße einbogen, fasste uns ein kalter Nachtwind. Die hohen Ähren wiegten sich leise hin und her, und irgendwo war ein merkwürdiges Zirpen zu…
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Die Einsamkeit der Anderen
Mittwoch, den 24. Juni 1925 Nach all den Regentagen heute endlich Sonnenschein. Nach der Schule ging ich mit Sabinchen spazieren – herrlich warm war es. An den Wegen blühten noch immer die Heckenrosen. Ich pflückte mir nur zwei. Wenn sie beim Pflücken die Köpfe hängen ließen, dann ließ ich sie lieber am Strauch. Gerade wollten…
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Einsam mit Nietzsche
Sonnabend, der 20. Juni 1925 „Nietzsches Briefe.“ Das also ist Nietzsche. Ich muss sagen, dass ich früher eine unbeschreibliche Angst vor ihm hatte – wie vor einem Dämon, der einen unausweichlich zu sich zieht und einem nur übermenschlich erscheint. Und doch: wie anders erscheint er mir nun in seinen Briefen! Wie kann ich ihn verstehen…
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Ein Herz, das still werden will
Sonntag, den 14. Juni 1925 Alle im Hause sind äußerst liebenswürdig zu mir. Die Sache von gestern ist mit keinem Wort erwähnt worden . Entweder soll sie nun totgeschwiegen werden, oder aber sie haben mich wirklich gern. Heute kommt wieder Besuch. Sabinchen sollte ich vorhin in Berggarten sagen, dass ich sie von all meinen Kindern…
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Rückkehr und Rückzug
Sonnabend, den 13. Juni 1925 Ich studiere die Geschichte derer von Adelebsen, während der jüngste Spross nebenan im Bettchen ruht und der letzte Herr von Adelebsen per Auto nach Göttingen fährt. Nun bin ich also wieder hier. In den Pfingstferien habe ich alle wieder besucht. Alle Freundinnen – angefangen bei Marie Reichert, die mich abholte…
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Freundinnen in Hannover
Donnerstag, den 28. Mai 1925 Das Kind kommt gerade heraus: „Ich will auch um Onkel Uli trauern.“ Und jetzt höre ich sie nebenan singen, nachdem sie mich lange hatte raten lassen, welche Bluse sie wohl anziehen würde. Alle sind wieder da. Morgen ist die Beisetzung. Und ich fahre am Samstag nach Hause, nach Hause, nach…
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Sabinchen und ihr Waldi
Dienstag, den 26. Mai 1925 Sabinchens Onkel Uli ist gestorben. Heute Morgen kam Mädi herauf, nahm das Kind auf den Schoß und sagte es ihr. Ich bewunderte ihre Selbstbeherrschung nachher bei Tisch. Und doch spürte ich die Trauer. Seit wir in den letzten Tagen ganz allein waren, bin ich ihr nähergekommen. Gemeinsamkeiten ergaben sich: Studenten,…


